"Gute Lehre bringt die Besten für die Forschung"

Zu guter Lehre gehört an der Uni Ulm auch das Selbst-Ausprobieren. Foto: Wolfram Scheible
Zu guter Lehre gehört an der Uni Ulm auch das Selbst-Ausprobieren. Foto: Wolfram Scheible

Die Universität Ulm ist noch eine junge Uni. Anders als alt-ehrwürdige Hochschulen blickt sie nicht auf eine jahrhundertelange Tradition zurück. Wie sie es trotzdem schafft, für Wissenschaftler und Studierende attraktiv zu sein, erzählt ihr Präsident Karl Joachim Ebeling im Interview.

Im Ranking des britischen Magazins „Times Higher Education" wurde die Universität Ulm wiederholt zur besten jungen Universität Deutschlands erklärt. Als solche gelten Gründungen, die weniger als 50 Jahre existieren. In Ulm sind es 48 Jahre. Wie wirkt sich diese Auszeichnung aus? Und wer nimmt sie wahr?
Das nehmen die Politiker wahr. Das nehmen die Kollegen an anderen Universitäten wahr. Und es wird auch intern wahrgenommen: Die Auszeichnung gibt der gesamten Mannschaft Auftrieb.

Sind 48 Jahre Zeit genug, um erkennen zu lassen, welche Dynamik für die Region von der Universität ausgeht?
Die Universität hat den Standort Ulm maßgeblich gestärkt. Wir sind stark in Medizin und bringen medizinische Methoden maßgeblich voran. Darüber hinaus bilden wir auf höchstem Niveau Nachwuchsforscher aus – etwa in Elektrotechnik, Informatik, Chemie oder Physik. Unsere Absolventen sind überall gefragt, nicht nur hier in der Region. Eine erfolgreiche Universität bringt überdies gute Professoren und andere Wissenschaftler in die Region. Nicht zu unterschätzen ist die Bereicherung der Stadtbevölkerung durch Studierende. Ich erlaube mir zu sagen: Das hat der ehemals freien Reichsstadt gut getan.

Früher galt Ulm als Universität der Heimschläfer. Tagsüber studierte man hier und abends ging es heim zu Mama.
Das ist mir bei meiner ersten Stelle an der Universität Ulm 1976 auch aufgefallen. Inzwischen haben wir mehr als 10 000 Studierende. Von ihnen sprechen viele nicht nur Hochdeutsch, sondern als Muttersprache Englisch. Da klappt es dann nicht mehr mit dem Hotel Mama.

Die Exzellenzinitiative des Bundes und der Länder hat Ulm nicht als Eliteuniversität ausgezeichnet. Woran mangelt es denn?
Als kleinere und jüngere Universität haben wir noch wenig außeruniversitäre Forschung, die auf die Universität zurückstrahlt. Wir sind froh, dass wir mit unserer International Graduate School in Molecular Medicine dennoch von der Exzellenzinitiative profitieren.

Wie wirkt sich der demografische Wandel auf die deutsche Hochschullandschaft aus? Die Zahl der deutschen Bewerber wird ja mittelfristig zurückgehen.
Die Universität Ulm hat in Deutschland als Dritte einen englischsprachigen Masterstudiengang eingeführt. Wir tendieren dazu, beim Master verstärkt auf Englisch zu  setzen. Bei Bachelorstudiengängen orientieren wir uns dagegen weiter mehr an der deutschen Sprache – schon um den Übergang von der Schule nicht zu strapazieren. Die Internationalisierung muss sein, um für gute Studenten aus dem Ausland attraktiv zu sein. Wir brauchen Ausländer – gerade für die deutsche Industrie, um dem  zunehmenden Fachkräftemangel zu begegnen. Durch englischsprachige Studiengänge sinkt die Einstiegshürde für Ausländer. Wenn wir den Eintritt in unsere  Universitäten erleichtern, tut Deutschland dies mittelfristig gut. Wer schon mal hier ist, entwickelt auch Eigeninitiative, unsere Kultur, unsere Sprache verstehen zu wollen.

Was machen Sie darüber hinaus, um an gute und beste Köpfe heranzukommen?
In der Batterieforschung, in der medizinischen Traumaforschung, bei der Quantentechnologie sind wir besser als andere, gehören sogar zur Weltspitze. Wir haben gute  Professoren mit einem guten Ruf, die wiederum exzellente junge Wissenschaftler nach Ulm bringen. Wenn wir auf die meistzitierten Professoren schauen, sind wir auf  Augenhöhe mit Tübingen und mit Freiburg.

Die Qualität von Universitäten wird in der Regel über die Leistungen in der Forschung beurteilt. Die Lehre fällt etwas hinten runter. Wie steht es  damit in Ulm?
Ich glaube, dass man gute Forschung nur mit Mitarbeitern machen kann, die gut ausgebildet sind – und dafür braucht man eine gute Lehre. Wenn man mit Doktoranden in  der Forschung etwas bewirken will, funktioniert das in den meisten Fällen am besten mit Studierenden, die man selbst ausgebildet hat. Wenn auf gute Lehre kein Wert  gelegt wird, hat man meiner Erfahrung nach große Schwierigkeiten, die Besten für die Forschung an Land zu ziehen.

Wie kann man einen Hochschullehrer auf mangelhafte Lehrleistungen hinweisen?
Letztlich durch Lehrevaluationen, aber auch, indem man entscheidende Vorlesungen durch andere Kolleginnen und Kollegen anbieten lässt – solche, die Inhalte gut  vermitteln.

Sie sind seit 30 Jahren Hochschullehrer und seit 12 Jahren Universitätspräsident. Wie haben sich Professoren, wie Studierende in dieser Zeit  verändert?
Einmal gehen Professoren heute didaktisch stärker auf die Studierenden ein als früher. Die stärkste Änderung ist allerdings die immer größere Bedeutung der Einwerbung von sogenannten Drittmitteln durch die Professoren. Das heißt: Sie stehen in heftigem Wettbewerb mit Wissenschaftlern anderer Forschungseinrichtungen. Das gab es in diesem Ausmaß früher nicht. Die Universität Ulm wirbt pro Jahr 100 Millionen Euro Drittmittel ein, das sind über 50 Prozent der staatlichen Grundfinanzierung! Die größte  Veränderung bei den Studierenden ist, dass sich inzwischen mehr als die Hälfte eines Jahrgangs für ein Studium entscheiden. Viele benötigen eine Nachqualifikation, um  den schwierigen Übergang von der Schule zur Universität zu bewältigen.

Das Interview führte Wolfgang Hess.

 

Karl Joachim Ebeling

ist seit 2003 Präsident der Universität Ulm, die 10 000
Studierende hat, von denen zwölf Prozent aus dem Ausland
kommen. Ebeling (*1949) ist promovierter Laser -
physiker. Nach seiner Habilitation in Göttingen wurde
er Professor am Institut für Hochfrequenzphysik an der
TU Braunschweig. 1989 berief ihn die Universität Ulm
zum Leiter der neuen Abteilung für Optoelektronik. Seit
2003 ist er Präsident der Universität Ulm. Ebeling arbeitete
mehrfach in der Industrie – bei den Bell Labs in
Holmdel, New Jersey/US, sowie als Forschungsdirektor
von Infineon. Für seine Halbleiterforschung bekam er
mehrere hochangesehene Preise. Im September gibt er
sein Amt als Universitätspräsident ab.

Foto: Wolfram Scheible

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