Kinder- und Jugendbericht fordert "Aufwachsen in öffentlicher Verantwortung"

Der elfte Kinder- und Jugendbericht des Deutschen Jugendinstituts, der am 30. Januar von der Bundesregierung beraten wurde, entwirft das Bild einer "tendenziell kinderlosen Gesellschaft". Er warnt vor der Gefahr der Gettoisierung einiger Städte sowie vor einer gigantischen Fehlsteuerung des Bildungs- und Ausbildungssystems und fordert eine "Demokratisierung der Demokratie", auch um den Eintritt Jugendlicher in rechtsextreme Organisationen zu verhindern.
Der Anteil der jungen Menschen an der Bevölkerung geht immer mehr zurück: Waren im Jahr 1970 noch 30 Prozent unter 20 Jahren, werden es im Jahr 2020 nur noch 17 Prozent sein. Angesichts dieser Entwicklung fordert die Sachverständigenkommission des 11. Kinder und Jugendberichts einen neuen Generationenvertrag durch einen Systemwechsel bei den sozialen Leistungen. "Dienste vor Geld" lautet die Kurzformel und bedeutet den Ausbau einer bedarfsgerechten sozialen Infrastruktur.

Dazu gehört nach Ansicht der Kommission beispielsweise, dass der Gettoisierung einiger Städte entgegengewirkt werden müsse. Die Zuwanderer wollten, so der Bericht, keinesfalls unter sich bleiben, sondern sprächen sich mehrheitlich für integrierte Lebensverhältnisse aus. Dennoch sei es immer noch so, dass soziale und Bildungseinrichtungen von Zuwanderern und ihren Kindern weniger in Anspruch genommen würden als von den Einheimischen. Unabdingbar für eine Integration sei aber der Erwerb der deutschen Sprache. Dies müsse in den Familien und in den Kindertageseinrichtungen beginnen und sich im Jugendalter fortsetzen.

Generell fordert der Kinder- und Jugendbericht mehr Zeit für Bildung. Damit ist nicht die Verlängerung der Schulzeiten gemeint, sondern die Förderung und Anerkennung von Kompetenzen, die auch außerschulisch erworben werden. Das können zum Beispiel Sprachkenntnisse sein, die im Rahmen des vom Europarat entwickelten "Portfolio der Sprachen" gelernt wurden. Hintergrund der Forderung nach mehr Zeit für Bildung ist die paradoxe Situation, dass zehn Prozent der Jugendlichen keinen Arbeitsplatz finden, dass aber gleichzeitig in Deutschland der Bedarf an hochqualifizierten Arbeitskräften nicht befriedigt werden kann.

Auch beim Thema politisches Engagement müssten Gesellschaft und Politik die Jugendlichen ernster nehmen. Es sei durchaus nicht so, dass sich Jugendliche nicht für Politik interessierten und sich nicht engagieren wollten. "'Null Bock' bezieht sich auf die Parteiendemokratie, nicht auf die 'Politik vor Ort'", schreibt Ingo Richter, der Vorsitzende der Kommission, in seiner Zusammenfassung des Berichts. Die Politik vor Ort kann aber auch das Engagement in rechtsextremistischen und fremdenfeindlichen Organisationen sein. Die Kommission zeigt sich alarmiert davon, dass es "dem politischen System der Bundesrepublik nicht mehr gelingt, alle Kinder und Jugendlichen politisch zu integrieren und für die Demokratie zu gewinnen". Die Kommission will aber nicht die aktuelle Jugend- und Bildungspolitik zum Sündenbock stempeln, sondern sieht die Ursachen in der Politik ganz allgemein. Daher fordert die Kommission eine "Demokratisierung der Demokratie", das Anbieten echter Mitbestimmung anstelle von scheindemokratischer Beteiligung.

Ihrem Bericht hat die Kommission das Motto "Aufwachsen in öffentlicher Verantwortung" gegeben. Damit sei ausdrücklich nicht die "Verstaatlichung von Erziehung und Bildung" gemeint, schreibt Richter, sondern das Schaffen von nachhaltig förderlichen Bedingungen für das Aufwachsen von Kindern und Jugendlichen. In der Pflicht sei die Gesellschaft, nicht nur der Staat oder nur die Eltern.
Doris Marszk


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