Erste deutsche Volksmärchen-Sammlerin wieder entdeckt

Volksmärchen sind in Deutschland untrennbar mit dem Namen der Gebrüder Grimm verbunden. Doch sie waren nicht die wirklich ersten, die deutsche Volkserzählungen sammelten. Vor den Gebrüdern Grimm legte Benedikte Naubert ihre "Neuen Volksmährchen der Deutschen" vor. Aus verschiedenen Gründen ist sie jedoch in Vergessenheit geraten. Anita Runge von der Freien Universität Berlin und ihre kanadischen Kolleginnen Marianne Henn und Paola Mayer haben sie jetzt wieder entdeckt und ihre Volksmärchen heu herausgegeben.
1756 wurde Benedikte Naubert ( Porträt aus dem Jahre 1806, mit ihrem Neffen) als Tochter eines Arztes und Afrikareisenden in Leipzig geboren und erhielt eine für Mädchen erstaunlich breit gefächerte Erziehung. Von klein auf begeisterten sie die griechische und römische Mythologie, aber auch die mittelalterliche Geschichte.

Anonym verfasste sie als Erwachsene über achtzig historische Romane, Gedichte und Erzählungen. Es gab kaum ein Jahrhundert, das Naubert in ihren historischen Romanen nicht behandelt hat, angefangen vom 9. Jahrhundert mit der "Geschichte Emma's Tochter Kayser Karl des Großen" bis zum 17. Jahrhundert mit "Fontanges, oder das Schicksal der Mutter und Tochter. Eine Geschichte aus den Zeiten Ludwig des Vierzehnten". In den Jahren 1789-1792 erschienen ihre "Neuen deutschen Volksmärchen", ebenfalls anonym.

Diese Anonymität bedeutete für sie einen "vestalischen Schleier vor Lob und Tadel". Sie setzte wohl auch alles daran, nicht als zu "gelehrig" zu gelten. "Wir Dienerinnen am Altar der Musen ? (dass es ja niemand höre, dass ich dieses stolze Wir sage) - tragen das Kleid unserer Weihe nicht wie ein Alltagskleid, sind in unserem Hause gute Mädchen, stille häusliche Frauen, gefällige ergebene Ehegattinnen, geduldige Mütter, Köchinnen, Näherinnen, Spinnerinnen beiher", schrieb sie einmal.

1802 hatte Benedikte Naubert einen angesehenen Naumburger Kaufmann geheiratet. Im Dezember 1809 erhielt sie Besuch von Wilhelm Grimm, der den Romantikern von der schreibenden Bürgersfrau berichtet. 1817 deckte die "Zeitung für die elegante Welt" ihre Identität auf. Inzwischen machte ihr jedoch ein Augenleiden mehr und mehr zu schaffen und hinderte sie am Schreiben. Kurz vor einer geplanten Augenoperation starb Benedikte Naubert 1819 im Alter von 62 Jahren in Leipzig.

Obgleich ihre Volksmärchen großen Anklang fanden und sie noch zu Lebzeiten ihre Anonymität verlor, ist Benedikte Naubert heute weitgehend unbekannt. Ihre drei heutigen Herausgeberinnen nehmen als Grund hierfür an, dass Naubert ihre "Neuen Volksmärchen der Deutschen" als Fortsetzung von J.K.A. Musäus' bekannten und vielfach nachgedruckten "Volksmärchen der Deutschen" fingierte. Johann Karl August Musäus, der von 1735 bis 1787 lebte, gehörte einer anderen Generation an. Seine Volksmärchen waren noch stark an Christoph Martin Wielands kritischer Märchenpoetik orientiert. Wieland hatte gefordert, dass Erzählstoffe aus der Mythologie, der Sage oder dem Märchen nur der Grund für den "schöpferischen Witz" des Schriftstellers zu sein hätten. So nutzte auch Musäus seine Volksmärchen, um darin zahlreiche Anspielungen auf literarische und politische Tagesereignisse unterzubringen oder das Phantastische mit Ironie zu brechen.

Benedikte Nauberts Volksmärchen kombinieren die Stoffe ebenfalls in eigenwilliger Weise, doch bleibt bei ihnen das Märchenhafte stärker ausgeprägt. Ihre "Neuen Volksmärchen der Deutschen" enthalten auch erstmals in großem Umfang Nacherzählungen bekannter Volksstoffe, etwa die Rübezahlsagen, die Rattenfänger- und die Nibelungensage, das Märchen vom Marienkind oder die Sage von der weißen Frau.

Erstmalig seit der Erstauflage von 1789-1792 liegen die "Neuen Volksmärchen" nun in einem vollständigen Nachdruck in einer kritischen Edition vor.

Bibliografischer Hinweis:
Benedikte Naubert: Neue Volksmärchen der Deutschen. Kommentierte Studienausgabe der Erstauflage, Leipzig: Weygand 1789-1792 (4 Bände), herausgegeben von Marianne Henn, Paola Mayer und Anita Runge. 1224 Seiten, gebunden. Wallstein-Verlag 2001.
178 Mark. Subskriptionspreis bis zum 30. September 2001: 148 Mark.
Doris Marszk


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