Von wegen Macho: Softies gab's in Lateinamerika schon vor 300 Jahren

Die Liebesbriefe mexikanischer Männer aus dem 18. Jahrhundert würden auch heute das Herz jeder Frau höher schlagen lassen. Schon damals war nämlich der emotional offene, sensible Mann sehr populär, der in einer blumigen, gefühlsbetonten Sprache seine tiefen Gefühle ausdrücken konnte. Das hat die britische Historikerin Rebecca Earle in einer Untersuchung von mehr als 300 Liebesbriefen amerikanischer Männer spanischer Herkunft aus dem 16. bis 18. Jahrhundert dokumentiert. Häufig stellten sich die Männer in den Briefen sogar als Diener und Sklaven ihrer Frauen dar, berichtet die Wissenschaftlerin in der österreichischen Schriftenreihe L'Homme Schriften ? Reihe zur Feministischen Geschichtswissenschaft (Bd. 7, S. 135).
Die an der Universität von Warwick in Coventry tätige Historikerin zeigte in ihrer Untersuchung der Dokumente einen interessanten Gegensatz auf: Die Männer stellten sich in den Briefen häufig als den Frauen unterlegen dar und beschreiben ihre Hilflosigkeit und Abhängigkeit von den Gefühlen einer Frau, obwohl sie in der damaligen Gesellschaft den Frauen sozial und wirtschaftlich überlegen waren. Typische Unterschriften unter solchen Briefen seien "Dein Sklave" oder "Dein Diener", schreibt Earle. Auch die extrem gefühlsbetonte Sprache sei sehr auffällig. Offensichtlich glaubten die Männer, sie müssten in ihren Liebesbriefen ihren emotionalen Zustand und auch ihre Bedürfnisse beschreiben. Das stehe im krassen Gegensatz zu dem heutigen Bild lateinamerikanischer Männer, die als ausgeprägte Machos gelten.

Zu Beginn des 18. Jahrhunderts blähte sich die Sprache dann zunehmend auf. Zum Teil entwickelten Ehemänner sogar einen komplett neuen Schatz von Phrasen, um ihre Liebe und Wertschätzung angemessen ausdrücken zu können. So erschien es ihnen beispielsweise nicht mehr ausreichend, einen Brief an die Ehefrau mit "Dein Ehemann, der dich liebt und schätzt" zu beschließen. Um wirkliche Liebe zu demonstrieren, mussten vielmehr Sätze wie "Dein höchst liebevoller Ehemann, der dich von ganzem Herzen liebt und dich mit offenen Armen sehnsuchtsvoll erwartet" am Ende eines Briefes stehen. Der auffallend häufige Gebrauch emotionaler Begriffe und Redewendungen zeige, dass es zumindest in der spanisch-amerikanischen Kultur die Vorstellung einer Heirat aus Liebe schon vor dem 17. Jahrhundert gegeben habe, schreibt Earle. Nach den Ergebnissen früherer Studien hatten Wissenschaftler angenommen, diese romantische Idee sei frühestens gegen Ende des 17. Jahrhunderts aufgekommen.
ddp/bdw ? Ilka Lehnen-Beyel


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