Unter Hitler nahm die Sterblichkeit schon früh zu

Der Bau der Autobahn und der wirtschaftliche Aufschwung - das sind die beiden Verdienste, die viele (ältere) Deutsche bis heute gern Adolf Hitler zuschreiben. Wissenschaftler der Universitäten Tübingen und München haben jetzt herausgefunden, dass die Deutschen in der frühen NS-Zeit von dem wirtschaftlichen Aufschwung in der Regel persönlich nicht viel hatten. Im Gegenteil: Die Ernährungslage verschlechterte sich für viele Deutsche und die Sterblichkeit nahm in den Jahren 1932-1937 im europäischen Vergleich stark zu. Die Studie der Forscher erscheint demnächst in der Zeitschrift "Economics and Human Biology".
Wenn eine Bevölkerung besser mit eiweißhaltigen Lebensmitteln versorgt wird, werden die Menschen größer. "Im 20. Jahrhundert nahm die durchschnittliche Körpergröße nach dem Ersten Weltkrieg kontinuierlich zu", erklärt der Wirtschaftshistoriker Jörg Baten von der Universität Tübingen. "Überraschenderweise trat etwa mit dem Beginn der NS-Zeit 1933, also vor dem Krieg, eine Stagnation ein. Das war etwa in Stuttgart und Leipzig feststellbar." Im gleichen Zeitraum nahmen nach den Erkenntnissen von Baten und seiner Kollegin Andrea Wagner von der Universität München in den anderen europäischen Ländern die Körpergrößen weiter zu.

Die Sterblichkeit stieg bei den Deutschen in allen Altersklassen, besonders dramatisch aber bei Kindern zwischen fünf und fünfzehn Jahren. Obgleich es den formalen Indikatoren wie etwa dem Bruttoinlandsprodukt zufolge in der frühen NS-Zeit tatsächlich einen wirtschaftlichen Aufschwung gegeben hat, sank der "biologische Lebensstandard" der Deutschen. Warum?

Die beiden Forscher machen hierfür mehrere Faktoren verantwortlich. Zum einen propagierte das NS-Regime eine strenge Autarkiepolitik. Das Land sollte seine Nahrungsmittel möglichst nicht mehr aus dem Ausland beziehen, sondern selbst herstellen und somit "autark" sein. "Dabei war Deutschland zuvor ein starker Nahrungsmittelimporteur. Schon vor dem Ersten Weltkrieg kamen rund 30 Prozent der Proteine in Form von Fleisch und Milchprodukten aus Dänemark, dem Ostseeraum, der Ukraine und Amerika", erklärt Baten. "Das Land konnte sich also nicht problemlos mit Nahrungsmitteln selbst versorgen."

Einen weiteren Grund für den schlechten biologischen Lebensstandard der Deutschen sehen die Forscher in einer Verschlechterung der Ausstattung des Gesundheitswesens. Die Ausgaben für das Gesundheitswesen seien zwar in der frühen NS-Zeit auch gestiegen, aber in einem lächerlichen Maße im Vergleich zu den Rüstungsausgaben. Zudem waren viele Ärzte Juden, und die durften schon bald nach der Machtergreifung der Nazis ihren Beruf nicht mehr ausüben, so dass auch die Qualität der medizinischen Versorgung abgenommen hat.

Und einen dritten Grund für die schlechtere Gesundheit der Deutschen sehen die Forscher in der Desintegration der Märkte: Die NS-Politiker befanden sich in der Klemme, dass sie zwar einerseits ihren bäuerlichen Anhängern verpflichtet waren, aber auch die Städter nicht mit hohen Preisen für landwirtschaftliche Produkte vergrätzen wollten. Daher verringerten sie die Handelsspannen und verbanden dies mit antisemitischer Popaganda gegen die jüdischen Händler. Die Preise wurden staatlicherseits stark reguliert. Die Entstehung von Schwarzmärkten waren die Folge. Diese verringerten zwar kurzfristig in manchen Gegenden die Sterblichkeit, doch die NS-Politiker gingen mit drastischen Strafen gegen den Schwarzhandel vor.

Doris Marszk


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