Hexen wurden verfolgt, um die Existenz Gottes zu beweisen

Vom ausgehenden Mittelalter bis in die frühe Neuzeit wurden immer wieder Frauen als Hexen oder Männer als Hexer verbrannt. Dabei trug nicht nur das gemeine Volk zu Hexenglauben und Hexenverfolgung bei. Auch hochgelehrte Theologen waren sich nicht zu schade, in ihren Werken die reale Existenz von Hexen und Dämonen nachzuweisen zu versuchen. In seinem soeben erschienen Buch zeigt Walter Stephens von der Johns Hopkins University auf, dass die Theologen einen ganz besonderen Grund dafür hatten, Hexen als real anzusehen und sie zu verfolgen: Real existierende Hexen dienten als Gottesbeweis in einer Welt voller Übel.
Ohne Hexen hätten spätmittelalterliche Theologen der Frage gegenüber gestanden, warum Böses geschieht, erklärt Stephens. "In ihrer vorwissenschaftlichen, bibelbasierten Weltsicht gab es zur Erklärung des Übels mit Hexen und Dämonen nur eine Alternative: Man müsste annehmen, dass Gott nicht mächtig genug sei, um das Übel in der Welt abzuschaffen oder dass er es nicht genügend versucht habe. Diese Denk-Alternative musste natürlich unterdrückt werden, und das Resultat ist die Rechtfertigung ihrer Hexenverfolgungen. Im Grunde ist es ziemlich freudianisch: Die Gedanken, die man sich weigert zu denken, agiert man in einer gewalttätigen, ganz unlogischen Weise aus."

Nicht nur ein dem Übel ohnmächtig gegenüber stehender Gott durfte nicht gedacht werden. Viel schlimmer wäre es gewesen, die Existenz Gottes wegen des Übels in der Welt ganz in Frage zu stellen. "Die Theologen wollten an die Realität der geistigen Welt glauben", sagt Stephens. "Unstimmigkeiten zwischen Christen beunruhigten sie aber auch, und so begannen sie unabsichtlich zwei und zwei zusammen zu zählen. Sabotage von Leuten, die in körperlicher Verbindung zu Dämonen standen, war eine gute Erklärung für das Übel in der Welt und eine gute Möglichkeit, dogmatische Zweifel zu überwinden. Die Leute, die diese Traktate schrieben, waren sich nicht bewusst, dass sie die Verleumdung nutzten, um eine wissenschaftliche Hypothese zu beweisen."

Dass durch die psychische Verfassung von Glaubenszweiflern solche Hirngespinste wie Hexen, Teufel und Dämonen aufgebaut werden können, kann Stephens auch mit Beispielen aus der Gegenwart belegen: "Heutzutage ist die Furcht vor Hexen am stärksten verbreitet unter Christen, die ihren Glauben in die buchstäbliche Wahrheit der Bibel und an Satan schützen müssen."

Doris Marszk


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