Studentenrevolte 1967: Warum der Mord an Benno Ohnesorg der Startschuss war

Der 2. Juni 1967 markiert in Deutschland den Beginn der Studentenrevolte. An diesem Tag wurde während der Demonstration gegen den Schah-Besuch der Germanistikstudent Benno Ohnesorg von einem Polizisten in einem Hinterhof gestellt und erschossen. Doch die Stimmung im Berlin der mittsechziger Jahre war so aufgeheizt, dass die Eskalation der Situation auch schon früher hätte eintreten können, so die These eines Bochumer Historikers.
Wie sich die Ereignisse ab etwa 1965 entwickelten und schließlich in den großen Studentenunruhen von 1968 gipfelten, hat Michael Frey in seiner Magisterarbeit untersucht, für die er von der Ruhr-Universität Bochum mit einem Preise ausgezeichnet wurde.

Bis 1965 war an den deutschen Universitäten alles ruhig. Der Krieg der USA in Vietnam hatte zwar schon begonnen, und in der Bundesrepublik wurde die politisch brisante Notstandsgesetzgebung diskutiert. Doch an den Universitäten wurden diese Themen nur von einem randständigen marxistischen Studentenzirkel diskutiert: dem Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS).

Die Denkschriften der SDSler, die zu solchen Themen oder zur Universitätspolitik Stellung bezogen, waren fundiert und hochintellektuell geschrieben. Allerdings waren sie auch so trocken und theoretisch, dass durch sie keine Aufbruchstimmung unter den Studenten aufkam.

Das änderte sich, als im Frühjahr 1965 eine kleine Gruppe in den Sozialistischen Deutschen Studentenbund eintrat: die "Subversive Aktion". Die Truppe um Dieter Kunzelmann, Bernd Rabehl, Frank Böckelmann und Rudi Dutschke verstand sich als eine Provokationselite, die mit der Absicht eingetreten war, den SDS politisch auf einen anderen Kurs zu trimmen. Nach einer Konzeption von Rudi Dutschke sollten Massendemonstrationen vom SDS radikalisiert werden und so, selbst wenn sie genehmigt waren, "in die Illegalität überführt werden".

"Die Konfrontation mit der Staatsgewalt ist zu suchen und unbedingt erforderlich", hieß es ausdrücklich in Dutschkes Papier. Doch die "Rädelsführer des organisierten Ungehorsams" wollten, so schreibt zumindest Michael Frey, mit diesen starken Worten den SDS nicht in eine kriminelle Vereinigung überführen, sondern den Verband nur provozieren und wachrütteln.

Anfang 1966 kam es zur ersten spektakulären Aktion.Das in der Nacht vom 3. auf den 4. Februar heimlich aufgehängte Plakat "Amis raus aus Vietnam" entfaltete breite Öffentlichkeitswirkung. Es sorgte für heftige Empörung in der Berliner Tagespresse - und nicht nur hier: Gerade die älteren Genossen im SDS kritisierten die Nacht-und-Nebel-Aktion, denn der Verband wurde dadurch - unfreiwillig - in die Provokation hineingezogen.

Mit dieser Methode schien jedoch der Nerv der Zeit getroffen: Gerade jüngere SDSler beteiligten sich nun verstärkt an weiteren Aktionen, und innerhalb eines halben Jahres entstand um den Kern der Subversiven Aktion eine "antiautoritäre" Fraktion, die im Herbst 1966 sogar den Bundesvorstand eroberte.

Im Wintersemester 1966 / 67 organisierten die "Antiautoritären" im Dezember vor dem Café Kranzler ein "Weihnachtshappening": Sie verbrannten die Pappköpfe von Walter Ulbricht und Lyndon B. Johnson gemeinsam mit den Flaggen der USA und der UdSSR und einem geklauten Tannenbaum. Diese Aktion wurde offenbar als so provozierend empfunden, dass innerhalb von einer Viertelstunde mehrere Einsatzwagen der Polizei mit insgesamt 300 Polizisten anrückten. Sie schwangen den Gummiknüppel und nahmen 63 Personen fest.

Doch die Ordnungshüter hatten zu großes Geschütz für den letztlich kleinen Gegner aufgefahren. In kurzer Zeit solidarisierten sich viele Berliner Studenten ? auch relativ unpolitische und sogar Anhänger der CDU-nahen Studentenorganisation RCDS ? mit ihren verprügelten und verhafteten Kommilitonen.

Doch es ging so weiter. Die Behörden standen der Herausforderung ihrer Autorität hilflos gegenüber und antworteten auf Aktionen der Studenten, die nun aufeinander folgten, mit brachialer Gewalt. Damit wurde, so Frey, eine Eskalationsspirale ausgelöst. Auf eine Aktion folgten Sanktionen, zu deren Abwehr erneute Aktionen durchgeführt wurden. Heute unvorstellbare Hetzartikel in den Medien, frustrierte Polizisten und eine aufgeputschte Öffentlichkeit, die nach hartem Durchgreifen gegen die "kleine, radikale Minderheit" schrie - all dies schuf ein Klima der Intoleranz und Gewaltbereitschaft.

In diese Situation hinein kam der Schah-Besuch. Etwa 2000 Studenten demonstrierten gegen den persischen Monarchen, der sein Land in feudaler Alleinherrschaft - mit Hilfe der brutalen Geheimpolizei SAVAK - regierte. Einer der Demonstranten war der Student Benno Ohnesorg, der bisher noch nie an einer Demonstration teilgenommen hatte.

Vor der Oper, die der Schah und seine Frau am Abend trotz Tomaten- und Farbbeutel-Würfe unbeschadet erreichten, kam es dann zu den Ereignissen, die die politische Situation in der Bundesrepublik nachhaltig verändern sollte. Bei der "Operation 'Füchse jagen'" - so hatte der Polizeipräsident die generalstabsmäßig geplante Festnahme von "Rädelsführern" durch "Greiftrupps" genannt - wurden die Studenten, die noch vor der Oper waren und nicht rechtzeitig fliehen konnten, von der Polizei gejagt und verprügelt. Auf Benno Ohnesorg, der nicht mehr fliehen konnte und schließlich hilflos am Boden lag, wurden von einem Kriminalobermeister die tödlichen Schüsse abgegeben.

Nachdem am 3. Juni bekannt wurde, dass Benno Ohnesorg nicht an Schädelbruch gestorben war (wie das Moabiter Krankenhaus zunächst "diagnostizierte"), sondern an der Schussverletzung, politisierte sich die deutsche Studentenschaft in einem vorher nicht gekannten Maße. Hinzu kam noch, dass die Berliner Presse den Studenten die Schuld am Ausgang der Ereignisse gab. Der Protestfunke sprang von Berlin auf die Bundesrepublik, die Studentenrevolte begann.
Doris Marszk


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