Zwei Drittel der Merowinger-Urkunden sind Fälschungen

Von den merowingischen Königen, den Vorgängern der Karolinger, sind 196 Urkunden überliefert, davon 38 im Original. Doch zwei Drittel aller dieser Texte bekräftigen oder verkünden Besitz- oder Privilegienansprüche, die nicht gerechtfertigt sind. Es handelt sich um Fälschungen, die etwa 400 Jahre nach dieser Herrscher-Dynastie entstanden sind, um angebliche Besitzrechte zu behaupten. Dies hat jetzt der Bonner Historiker Theo Kölzer in einer fast 1000-seitigen kommentierten Quellen-Edition belegt.
Auf die Spur der Fälschungen kam der Historiker an der Universität Bonn vor zwei Jahren durch Zufall. Ein französischer Kollege hatte auf der Rückseite einer mittelalterlichen Urkunde Schriftzeichen entdeckt, die er für merowingisch hielt, aber nicht entziffern konnte. Er schickte die Urkunden dem Merowinger-Spezialisten Kölzer, der wiederum erkannte, dass diese merowingischen Schriftzeichen spiegelverkehrte Abdrücke von Buchstaben waren.

Irgendwo musste also der eigentliche Text sein. Tatsächlich kannte Kölzer eine Urkunde, auf der genau diese Buchstaben gleichsam abgerissen waren. Dadurch entdeckte er die geschickten Fälschungen, die etwa aus dem 12. Jahrhundert stammten und folgendermaßen vorgenommen worden waren: Die Fälscher klebten zwei echte Papyrus-Dokumente aus der Merowinger-Zeit (ca. 450 bis 751 n. Chr.) an ihrer Text-Seite zusammen und beschrieben die leeren Rückseiten in Amtslatein mit den Verfügungen zu ihren Gunsten. Erst im 19. Jahrhundert bemerkte man, dass Papyrus-Bogen zusammengeklebt waren und trennte die Blätter. Von da an gingen die alten malträtierten Urkunden verschiedene Wege. So kam auch eine merowingische Urkunde nach Frankreich.

Dass die alten Urkunden überhaupt in privater Hand waren, hat mit der Verwaltungssituation zur Zeit der Merowinger zu tun. Während die römische Spätantike noch einen ausgeprägten Behördenapparat kannte, der die Rechtstitel des Einzelnen aktenkundig machte und schützte, mussten zur Zeit der Merowinger die Begünstigten ihre Urkunden selbst aufbewahren. Da konnte im Laufe der Zeit schon einmal eine Urkunde verloren gehen. Wenn aber später beispielsweise in einem hochmittelalterlichen Kloster für ein beanspruchtes Recht keine Urkunde existierte, hatten die Betroffenen ein Problem. "Seit dem12. Jahrhundert war ohne besiegelte Urkunde nichts zu machen", sagt Kölzer. So griffen die Betroffenen häufig selbst zu Feder und
Pergament.

Die Texte waren nicht immer von kundigen und sorgfältigen Fälschern erstellt worden. Die Fälschung, die aus zwei zusammengeklebten Papyrus-Blättern bestand, gehört zu den raffinierteren Fällen. Meistens bedachten die Fälscher nicht, dass man beispielsweise in der Merowinger-Zeit ein anderes Latein geschrieben hatte als im Hochmittelalter. Manchmal seien auch schon einfache historische Fakten entlarvend, meint der Bonner Historiker. "Da stammt dann die Urkunde beispielsweise von einem König, der zur Zeit der Ausstellung bereits seit Jahren tot war."

Aufgrund solcher Indizien konnte Kölzer zwei Drittel der 196 merowingischen Urkunden als gefälscht erklären. An der Authentizität der 38 Originalschriftstücke zweifelt der Historiker nicht.

Bibliografischer Hinweis: Monumenta Germaniae Historica, Diplomata regum Francorum e stirpe Merovingica, nach Vorarbeiten von Carlrichard Brühl, hg. von Theo Kölzer unter Mitwirkung von Martina Hartmann und Andrea Stieldorf, 2 Bde., Hannover 2001, XXXIV + 965 Seiten + 8 Tafeln, DM 280,--
Doris Marszk


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