Sowjetische Lagergefangene sagten in Tatoos ihre Meinung

Die Bedingungen in den sowjetischen Lagern waren hart. Möglichkeiten, seine Gedanken, Meinungen, Empfindungen irgendwo festzuhalten, gab es kaum. In dieser Situation griffen viele Gefangene auf ihren eigenen Körper als einzig verfügbare Schreib- und Zeichenfläche zurück.
Wie die Zeitung "Moskovskie Novosti" berichtet, hat jetzt Dancig Baldaev, der fast 40 Jahre bei der Leningrader Kriminalpolizei gearbeitet hat, ein Album mit Fotografien tätowierter Körper von Lagerinsassen im Verlag "Limbus Press" veröffentlicht.

Tätowierungen waren in der gesamten sowjetischen Gesellschaft verbreitet. Doch in Gefängnissen und Lagern wurden Tattoos zu einem echten Bedürfnis der Gefangenen. Dies ist vor allem daran zu erkennen, dass die Tätowierwilligen bereit waren, eine ziemliche Tortur auf sich zu nehmen. Denn eine relativ schmerzfreie Tätowiertechnik, wie sie im Westen schon länger verbreitet ist, war in Russland bis vor kurzem unbekannt. Tätowiertinte gab es in den Lagern natürlich auch nicht. Ersatzweise mussten andere Materialien herhalten, die aber auch im sonstigen Lagerleben einen hohen Wert hatten: Tee, Fett, Marmelade.

Der Linguist Aleksej Plucer-Sarno, der die Einleitung zu Baldaevs Buch geschrieben hat, zeigt auf, dass es Unterschiede zwischen den Tattoos von gewöhnlichen Kriminellen im Gefängnis, wie etwa Dieben, und Lagerinsassen gab, die oft auch politische Gefangene waren. Diebe, so Plucer-Sarno, verewigten auf ihren Körpern in mehr oder weniger verschlüsselter Weise ihre kriminelle Geschichte und künftige "Arbeitsvorhaben". Lagerinsassen setzten sich eher mit dem auseinander, was sie kaputt machte. So finden sich auf deren Körpern häufig Karikaturen sowjetischer Politiker.

Manche, die wegen nicht-politischer Vergehen einsaßen, klagten mit den Tattoos auch die Situation an, in der sie geraden waren. So stellte ein Alimenteflüchtling seine Frau als alttestamentarische Judith da, wie sie Holofernes den Kopf abschlug. Darüber hinaus ? und gegen Aufpreis ? konnten die Lagerinsassen beim Tätowierer, der natürlich ein Mithäftling war, die Verwendung von Fotos oder eigens gereimten Versen bestellen.

Baldaev hat für die Veröffentlichung seines Albums "Tätowierungen Gefangener" zwei große Motive. Zum einen stammt Baldaev aus einer Familie, in der 58 Menschen im Stalinismus umgekommen sind. Er erfüllte mit der Sammlung der Fotografien von den Tätowierungen der Gefangenen gewissermaßen einen Letzten Willen seines Vaters. Zum anderen will Baldaev die Tätowierkunstwerke vor ihrem Verfall retten. Denn Tätowierungen, und seien sie auch wahre Meisterwerke, werden normalerweise buchstäblich mit ins Grab genommen. Es sei denn, man fotografiert sie vorher.
Doris Marszk


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