60.000 Deutsche gingen nach dem Krieg nach England ? Wissenschaftler auf Spurensuche

Sie kamen als Kriegsgefangene, Kriegsbräute und angeworbene Arbeitskräfte: Etwa 60.000 deutsche Männer und Frauen verschlug es nach 1945 nach Großbritannien. Bis heute war ihre Geschichte so gut wie unbekannt. Jetzt haben sich ein Historiker und eine Sozialwissenschaftlerin auf eine Spurensuche begeben.
Johannes-Dieter Steinert von der Universität Düsseldorf und Inge Weber-Newth von der Universität Nord-London sammelten die Namen und Daten der freiwilligen und unfreiwilligen Auswanderer mühsam selbst zusammen. "Es gibt keine Registraturlisten, die wir hätten nutzen können. Aber die deutsche Botschaft half, wir wurden an Altenclubs vermittelt, die beiden Kirchen, die von Deutschland aus geführt werden, haben uns unterstützt, und dann gab es auch noch Mund-zu-Mund-Propaganda", sagt Steinert.

Die Hauptgruppen der deutschen Zuwanderer waren etwa 15.000 Kriegsgefangene, etwa 20.000 Frauen, die privat oder gewerblich für britische Haushalte angeworben wurden sowie 10.000 Bräute britischer Soldaten ("war brides"). Die übrigen waren staatlich angeworbene Arbeitskräfte für die Textilindustrie und das Gesundheitswesen. Was versprachen sich diejenigen, die nicht aus Liebe und nicht gezwungenermaßen ? wie die Kriegsgefangenen ? kamen, von einer Übersiedlung auf die Insel?

Viele waren Flüchtlinge und ehemalige Zwangsarbeiter, die in Großbritannien ein neues Leben anfangen wollten. Viele junge Frauen, die sich für die Textilindustrie und das Gesundheitswesen anwerben ließen, wollten einfach weg aus einem Trümmerdeutschland ohne Zukunft und Arbeit. "Andere waren ganz einfach frustriert vom langen Krieg und wollten ihre versäumte Jugend nachholen. England erschien da wie das Paradies, mit Cadbury-Schokolade und Nylonstrümpfen", sagt Weber-Newth.

Obwohl sie gebraucht wurden, empfingen die Engländer sie aber nicht unbedingt mit offenen Armen. Besonders bei Fabrikarbeitern der Textilindustrie kam es zu Übergriffen, Beleidigungen und Pöbeleien. Die Frauen, die im Gesundheitswesen unterkamen, trafen es etwas besser. Auch die Kriegsgefangen, die in der Landwirtschaft ? vor allem in Schottland ? eingesetzt wurden, waren geschätzt, manchmal sogar beliebt. Wer aber aufsteigen wollte, hatte gegen einige Ressentiments zu kämpfen. So wurde der Ex-Kriegsgefangene Bernhard Trautmann, der Torwart von Manchester City wurde, zunächst stark angefeindet. "Kriegsverbrecher im Tor!", schrieben die Zeitungen. Erst als er trotz gebrochenen Halswirbels im Ligafinale 1956 weiterspielte und der Verein den Pokal gewann, wurde "Traut the Kraut" zum Fußball-Idol der Insel. Die Frauen, die als Arbeitskräfte gekommen waren und später Ehen mit Briten eingingen, lebten sehr angepasst. "Einige versuchten sogar, ihre Herkunft zu leugnen. Was das Innere betrifft, da hat jedoch eine Assimilation nicht stattgefunden, da sind sie Deutsche geblieben", so die Forscher.

Heute sind die ehemaligen Zuwanderer im Rentenalter. Kaum eine(r) hat die Kontakte nach Deutschland völlig abgebrochen. Häufig hörten die Forscher Äußerungen wie "Im Alter sind meine Gedanken in Deutschland". Vor allem die Frauen haben sich immer bemüht, ein bisschen "deutsche Lebensart" beizubehalten und schmückten die Wohnung mit typisch deutschen Gegenständen wie einer Kuckucksuhr oder einem Bierseidel. In mancher Hinsicht haben sie damit auch ihre britische Nachbarn beeinflusst. "Seit den Zuwanderern gibt es auch in britischen Normalhaushalten den Weihnachtsbaum", sagt Inge Weber-Newth.

Literaturhinweis: Johannes-Dieter Steinert und Inge Weber-Newth: "Labour & Love. Deutsche in Großbritannien nach dem Zweiten Weltkrieg. Secolo Verlag, Osnabrück 2000, 320 Seiten, 78,00 DM.
Doris Marszk


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