Noblesse oblige ? Die Privilegien des Adels

Wie dem Nachwuchs das standesgemäße Verhalten beigebracht wurde
Von Adel zu sein, galt bis zum frühen 20. Jahrhundert schon als Wert an sich. Bildung war etwas für Bürgerliche, die es ohne Adelstitel zu etwas bringen wollten. Die Erziehung adliger Kinder zielte vor allem auf die Einübung adliger Tugenden: Haltung bewahren, gepflegt sprechen, adlige Sitten beachten. Dies haben zwei Historiker von der Technischen Universität Berlin anhand zahlreicher Quellen aus dem 19. und 20. Jahrhundert herausgearbeitet.

In 400 Autobiographien und 50 Nachlässen in den Privatarchiven deutscher Adelsfamilien haben Marcus Funck und Stephan Malinowski nach Hinweisen auf die Erziehung adliger Kinder und Jugendlicher gesucht. Das Bild, das dabei vom adligen Erziehungsideal entstand, ist quer durch die deutschen Lande bemerkenswert einheitlich: Eine gründliche Schulbildung oder gar eine Berufsausbildung sahen die meisten Familien für ihre Söhne als absolut zweitrangig an. Das wirtschaftliche Rückgrat des Adels war über Jahrhunderte hinweg der Landbesitz und die dazugehörige Land- und Forstwirtschaft. Die erstgeborenen Söhne waren verpflichtet, den Familienbesitz zu übernehmen.

Die jüngeren Nachkommen vermittelte man durch Beziehungen in Positionen der Verwaltung und des Militärs. Hatten einige Blaublüter tatsächlich ein Studium begonnen, waren sie weniger im Hörsaal als auf dem Paukboden schlagender Verbindungen anzutreffen. Dort war die Härte, die Strenge und die Kraft gefragt, die ihnen in der Kindheit beigebracht und zuweilen auch eingebläut worden war.

Denn das Einüben des "feinen Unterschieds" zum Rest der Gesellschaft bestand nur zum Teil aus dem Trainieren des Handgebens, Handküssens und Verbeugens. Es gab auch strenge Regeln, die beachtet werden mussten. So war es den jungen Adligen verboten, bei Tisch zu reden, das Essen zu loben oder über Geld zu sprechen. Die Strafen für die Nichtbeachtung solcher Regeln waren drastisch: Sie reichten von tagelangem Essensentzug bis zur körperlichen Züchtigung, die klaglos hingenommen werden musste. Adlige hatten ihren Charakter dadurch zu zeigen, dass sie Schmerzen, ohne mit der Wimper zu zucken, ertrugen. Haltung zu bewahren, war das Entscheidende.

Mit der zunehmenden Technisierung und Industrialisierung geriet die adlige Lebenswelt immer mehr ins Wanken. Die Historiker sehen in der ablehnenden Haltung des Adels gegenüber den städtischen Eliten eine bewusste Abgrenzung, weil der Adel viele moderne Qualifikationen nicht mehr erfüllen konnte. Besonders deutlich wurde dies nach 1918, als der deutsche Adel nach der Kriegsniederlage, der Revolution und der Flucht des Kaisers seine angestammten Privilegien verloren hatte. Der Adel konnte sich jetzt nur noch über den besonderen Zusammenhalt der Familie und das standesgemäße Verhalten definieren.

Die Arbeit von Funck und Malinowski steht im Zusammenhang mit dem DFG-Projekt "Elitenwandel in der gesellschaftlichen Modernisierung: Adel und bürgerliche Führungsschichten in Deutschland 1750-1933", das von Heinz Reif, Professor am Institut für Geschichte und Kommunikationswissenschaften, geleitet wurde.

Doris Marszk


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