Deichreparatur am Oderbruch offenbart Grauen des Krieges

Komplette Geschütze mit ihren gefallenen Besatzungen und Reihen von toten Rotarmisten graben die Deichbauer am Brandenburger Oderbruch aus. Diese Gegend war Mitte April 1945 Schauplatz einer der letzten Schlachten des Zweiten Weltkriegs. Zehntausende deutsche und sowjetische Soldaten fielen innerhalb weniger Tage - und viele von ihnen werden erst jetzt geborgen.

Die Oderdeiche werden nach dem verheerenden Hochwasser von 1997 auf ihrer gesamten Länge von 52 Kilometern grunderneuert. In Absprache mit den polnischen Behörden werden große Teile neu errichtet und um 40 bis 120 Zentimeter erhöht, um so einem massiven Hochwasser, das alle 200 Jahre erwartet wird, standhalten zu können. Derzeit wird der Deichabschnitt am Oderbruch zwischen Lebus und Hohensaaten (Kreis Märkisch-Oderland) durch das Umweltamt saniert. Die Arbeiten sollen bis 2005 beendet sein, am Oderbruch bis 2002.

Matthias Freude, Präsident des Potsdamer Landesumweltamts, berichtet, dass ihn nicht nur die menschlichen Tragödien beschäftigen. Besonders die gefährlichen Überreste der Kämpfe, die den Auftakt zur Schlacht bei den westlich gelegenen Seelower Höhen bildeten, bereiten ihm Kopfzerbrechen. Bei den heftigen Gefechten gab es zahlreiche Blindgänger, die noch immer im Boden stecken. Auch die Restmunition zerstörter Geschütze gefährdet die Bauarbeiten.

Alleine in diesem Jahr musste der Etat am Oderbruch um 14 auf 64 Millionen Mark aufgestockt werden, weil die Kosten für die Munitionsbergung und Beseitigung unerwartet stark gestiegen sind. "Man kann schließlich keinen Deich reparieren, der voller Bomben und Granaten steckt", meinte Freude. 14 Aufträge für die Munitionsräumung hat das Umweltamt im Jahr 2000 an verschiedene Einrichtungen vergeben.

Eine davon ist der staatliche Munitionsbergungsdienst in Wünsdorf (Kreis Teltow-Fläming). Dessen Aussenstelle in Frankfurt (Oder) ist für den Oderbruch zuständig. Truppführer Andre Müller hat mit seinen fünf Mitarbeitern vor Ort bereits 1,7 Millionen Quadratmeter Fläche abgesucht. Seit März dieses Jahres sind sie zunächst auf der Oberfläche des Deiches sowie im unmittelbaren Vor- und Hinterland tätig und kennzeichnen gefundene "Störpunkte" auf einer Karte. Unmittelbar bevor die Bagger anrücken, wird dann die Munition geborgen. "In diesem Jahr haben wir schon fast 100 000 Munitionskörper gefunden, das sind 16 Tonnen", berichtet Müller.

Gefährlich wird es, wenn die Sprengkörper noch scharf sind. In diesem Fall muss Müller entscheiden, ob die Bomben und Granaten transportfähig sind. Sind sie es nicht, werden sie vor Ort entschärft, in diesem Jahr bereits 20 Mal. Wenn das nicht möglich ist, bleibt nur die Sprengung. "Wir machen fünf bis sechs Munitionssprengungen jährlich mit je 70 bis 80 Sprengkörpern", sagt der Bergungsexperte. Das ungefährliche Material geht zum Munitionszerlegungsbetrieb nach Kummersdorf (Kreis Oder-Spree).

Neben 66 Tonnen Zivilschrott stießen die Arbeiter auch auf die sterblichen Überreste von 33 Soldaten. "Etwa ein Viertel von ihnen sind Rotarmisten", weiß Müller. Diese Opfer der Schlacht um den Zugang nach Berlin konnten nach dem Krieg nicht geborgen werden: "Durch die zahlreichen Granateneinschläge wurde das Erdreich völlig umgegraben."

Wenn ein Toter gefunden wird, informiert Müller die Kriegsgräberfürsorge in Potsdam. Handelt es sich um einen Soldaten, wird er auf einem der vier speziellen Brandenburger Friedhöfe bestattet. Drei davon sind für deutsche Soldaten, der vierte ist sowjetischen Gefallenen vorbehalten. So finden die einstigen Feinde, die mehr als 50 Jahre nebeneinander bei den Oderdeichen ruhten, schließlich wieder getrennte Ruhestätten.
dpa und bdw


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