Uralte Wurzeln der Seidenstraße

Karawanserei der alten Seidenstraße in Kirgisistan auf 3500 Metern Höhe (Foto: MIchael Frachetti)

Die Seidenstraße ist eine der berühmtesten Fernhandelsrouten der Geschichte. Doch wie sie entstand und was den Verlauf der Routen prägte, war bisher nur teilweise bekannt. Jetzt haben Forscher Hinweise darauf gefunden, dass die Wegverbindungen in den Hochlagen Zentralasiens nicht erst mit dem Beginn des Fernhandels entstanden. Stattdessen gehen sie auf mehr als 4000 Jahre alte Zugrouten nomadischer Viehzüchter zurück, die über diese Wege ihre Herden von den Sommer- auf die Winterweiden trieben. Die Wurzeln der Seidenstraße reichen damit weit zurück in prähistorische Zeiten.

Mehr als 6000 Kilometer lang war das verzweigte Wegenetz der Seidenstraße, die von China im Osten bis an die Mittelmeerküste im Westen reichte. Über diese Routen gelangten schon vor mehr als 2000 Jahren Seide, Gewürze, Parfüm, Porzellan, Glas, Tee oder Samen exotischer Pflanzen nach Europa. Umgekehrt machten Händler in China mit Elfenbein, Gold, Silber oder Wein aus dem Westen ihr Geschäft. Doch schon weitaus früher, während der Bronzezeit, diente die Seidenstraße dem Austausch von Anbau- und Kulturtechniken innerhalb Asiens und des mittleren Ostens. Wie aber dieses Netz von Fernhandelsrouten einst entstand und was ihre Struktur bestimmte, ist bis heute nur in Teilen geklärt. "Historische Berichte nennen typischerweise die großen Oasenstädte der Seidenstraße, politische Zentren oder Handelsplätze als die dominanten Knoten dieser transkontinentalen Routen", sagen Michael Frachetti von der Washington University in St. Louis und seine Kollegen. Gängiger Annahme nach entstanden die Routen zwischen diesen Knoten dort, wo die Reise am schnellsten und am wenigsten beschwerlich war – zumindest im Flachland. Doch welche Faktoren die Wege über die Gebirge entlang der Routen bestimmten, blieb bisher offen.

Ursprung in Nomadenrouten?

Frachetti und seine Kollegen haben diese Frage nun auf neue Weise untersucht. Als Ausgangshypothese gingen sie davon aus, dass die Gebirgsrouten der Seidenstraße den Wegen folgten, die schon vor rund 4500 Jahren von lokalen Nomadenstämmen und ihren Viehherden genutzt wurden. "Archäologische und ethnografische Belege aus Zentralasien zeigen, dass diese Viehzüchter im Sommer die saftigen Hochgebirgsweiden aufsuchten und im Winter in niedrigere Gebiete zurückkehrten", berichten die Forscher. Dabei wählten die Nomaden ihre Zugrouten wahrscheinlich weniger danach aus, ob sie die einfachste Verbindung zwischen zwei Orten waren, sondern eher, ob ihre Tiere während der Wanderung genügend Weiden und Wasser finden würden. Um zu klären, wo diese Zugrouten gelegen haben könnten und wie gut sie mit den späteren Wegen der Seidenstraße übereinstimmen, nutzten die Wissenschaftler eine Modellsimulation. Diese erfasste die Topografie, das Klima und bekannte Siedlungsstätten in einem Gebiet, das von Turkmenistan und dem Iran bis in den Westen Chinas reicht. Mit Hilfe einer Art Flussmodells ermittelten die Forscher dann, welche Wege für Viehherden gangbar gewesen wären und die beste Versorgung der Tiere boten.

Die Auswertung ergab ein verästeltes System von Routen ähnlich einem Flusssystem: Viele kleine Pfaden in den Hochlagen vereinten sich in den niedrigeren Gebieten zu immer größeren Wegen. "Daraus ergibt sich ein interregionales Netzwerk von Routen, die Gebiete und Orte in Zentralasien miteinander verbinden", berichten Frachetti und seine Kollegen. Als sie dieses Netzwerk mit den Positionen bekannter Stationen der Seidenstraße verglichen, zeigte sich eine Übereinstimmung: Immerhin knapp 60 Prozent der 258 Orte im Untersuchungsgebiet lagen direkt auf den rekonstruierten Nomadenwegen, wie die Forscher berichten. Ihrer Ansicht nach könnte sich entlang einiger der alten Herdenwege zudem noch Seidenstraßen-Stationen verbergen, die bisher von Archäologen noch nicht gefunden wurden.

Nach Ansicht der Wissenschaftler spricht ihr Modell dafür, dass die gebirgigen Anteile der Seidenstraße nicht erst mit dem Beginn des Fernhandels entstanden, sondern sehr viel ältere Wurzeln haben. "Die Gebirgsrouten entwickelten sich wahrscheinlich zunächst als Verbindungen über kurze Distanzen entlang der alten Herdenwege", sagen Frachetti und seine Kollegen. "Diese Wege waren tief im lokalen Wissen über die Landschaft verankert." Als dann später der Fernhandel begann, nutzte man diese alten Routen einfach weiter und baute sie in das Verbindungsnetz der Seidenstraße ein. "Unser Modell liefert damit eine alternative Erklärung für die Geografie der Seidenstraße in den Hochlandgebieten – abweichend vom bloßen Verbindungen von Knoten oder dem Prinzip der einfachsten Reise", konstatieren die Forscher.

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