Ein Imperium in der Südsee

Mit Auslieger-Kanus ähnlicher Art legten die Bewohner der Südsee tausende Kilometer zurück (thinkstock)

Während die Hochkultur der Inka über den Andenraum Südamerikas herrschte, existierte auch in der Südsee ein Imperium: Tonga. Der Machtbereich dieser frühen Seefahrermacht umfasste nicht nur das eigene Archipel, sondern erstreckte sich über weite Teile des zentralen Pazifiks. Eine Analyse von Steinfragmenten und Werkzeugen aus dieser Zeit zeigt nun, wie effektiv und ausgedehnt das Handelsnetz des tongaischen Reichs war: Exotische Steine wurden sogar noch aus dem 2.500 Kilometer entfernten Tahiti importiert. Auch für andere Güter und Objekte bildete Tonga damals wahrscheinlich einen Knotenpunkt des damaligen Zentralpazifiks.

Monumentale Grabmale auf der Hauptinsel Tongatapu zeugen von der großen Vergangenheit Tongas: Auf einer Fläche von 50 Hektar stehen hier die Ruinen von gewaltigen Bauwerken aus Kalksteinblöcken, einige dieser Blöcke wiegen mehr als 20 Tonnen. Sie sind die Überreste von Gräbern, in denen zwischen 1300 und 1400 nach Christus die Herrscher von Tonga, die Tiu Tonga, und ihre Familien begraben wurden. Weitere Ruinen deuten darauf hin, dass dieses am Rand einer Lagune liegende Areal auch eine Art Stadt umfasste – komplett mit Kanuhafen, Straßen, Badebrunnen und Mülldeponien. "Dieses Reich war damals einzigartig im Pazifik, weil es ein ganzes Archipel unter einer einheitlichen politischen Führung versammelte", erklären Geoffrey Clark von der Australian National University in Canberra und seine Kollegen. Wie weit sich allerdings der Einflussbereich des tongaischen Reichs erstreckte und was die Quelle des Wohlstands für seine Herrscher und Eliten war, blieb bisher unklar. Denn abgesehen von den Bauwerken sind archäologische Zeugnisse aus jener Zeit nur spärlich vorhanden, wie die Forscher berichten.

Um hier mehr Klarheit zu schaffen, nutzten Clark und seine Kollegen einen geologischen Ansatz: Sie analysierten Herkunft und Zusammensetzung von 599 Steinfragmenten und -werkzeugen, die sie auf den Inseln von Tonga und Samoa in alten Ruinen gesammelt hatten. "Diese Form der Gesteinsanalyse ist besonders gut dafür geeignet, die prähistorischen Langstrecken-Verbindungen aufzudecken", erklären die Forscher. Denn das Gestein der verschiedenen, meist vulkanischen Inseln im Zentralpazifik ist chemisch sehr unterschiedlich. Die chemische Zusammensetzung eines Gesteins erlaubt daher Rückschlüsse auf seine Herkunft.

Exotische Gesteine als Prestigeobjekte

Das Ergebnis war überraschend: Zwei Drittel der in der Nähe von tongaischen Ruinen gesammelten Steinfragmente und -werkzeuge stammten nicht aus diesem Archipel, sondern von anderen, weiter entfernten Inselgruppen. Vor allem die Bauwerke der Könige und Eliten wurden demnach mit fremden, nicht heimischen Steinen errichtet oder mit ihnen verziert, schließen die Forscher. Die meisten Gesteine wurden dabei aus Samoa und Fidschi importiert, aber auch aus dem 2.500 Kilometer entfernten Tahiti fanden die Wissenschaftler eine Steinprobe. "Das belegt, wie weit die sozialen und wirtschaftlichen Netzwerke der tongaischen Elite damals reichten", so die Forscher. Im Gegensatz dazu stammten fast alle auf Samoa gesammelten Steinproben aus örtlichen Formationen.

Wie die Forscher berichten, liefert dies auch neue Einblicke in die innere Struktur und Organisation des tongaischen Imperiums. Denn der Besitz exotischer Steine und der Handel mit ihnen war offensichtlich ein Privileg des Königs und der Oberschicht. Nur in der unmittelbaren Nähe ihrer Grabmale und Bauten finden sich die fremden Gesteine. Von den Eliten Tongas ist bereits bekannt, dass sie gezielt Angehörige des Adels anderer Inseln und Inselgruppen heirateten, um ihren Einflussbereich auszuweiten. Regelmäßig fanden zudem Zeremonien im damaligen Herrschersitz Tapaha statt, zu denen Adelige per Kanu von weither anreisten. "Die dabei ausgetauschten Güter und nichtheimischen Wertobjekte waren eine wichtige Quelle des Wohlstands für die tongaischen Eliten", sagen die Forscher. Gleichzeitig machten diese selbst über weite Entfernungen funktionierenden Verbindungen und Netzwerke das Südsee-Imperium zu einem wichtigen Knotenpunkt für Handel und Kommunikation im gesamten Zentralpazifik.

© wissenschaft.de - Nadja Podbregar
08.07.2014
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