Frauen und Kinder zuletzt!

 Auch nach dem Schiffsunglück der Costa Concordia berichteten Passagiere, dass sich viele Menschen nicht um das Prinzip
Auch nach dem Schiffsunglück der Costa Concordia berichteten Passagiere, dass sich viele Menschen nicht um das Prinzip "Frauen und Kinder zuerst" gekümmert hätten. Foto: Roberto Vongher
Ein kräftiger Mann hilft einer Frau höflich ins Rettungsboot, ein anderer wuchtet zwei Kinder vom sinkenden Schiff in die Barke. Der Kapitän verschenkt seine Rettungsweste und damit jede Chance aufs Überleben. ? Dieses Bildvom heroischen Seemann, der Frauen und Kinder zuerst rettet, auch wenn das sein Leben kosten könnte, ist nur eine Illusion. Das sagen zumindest schwedische Wissenschaftler, die sich die Daten von 18 verschiedenen Schiffsunglücken genauer angeschaut haben.
Vor 100 Jahren sank die Titanic ? und ist seitdem eines der bekanntesten Beispiele für die Tapferkeit und Aufopferung der Männer. 70 Prozent der Frauen und Kinder überlebten das Unglück, verglichen mit nur einem Fünftel aller männlichen Passagiere und Besatzungsmitglieder.

Zurückzuführen ist das auf den Befehl des Kapitäns, Frauen und Kinder zuerst in Sicherheit zu bringen. Der manchmal auch als ungeschriebene Regel der Seefahrt bezeichnete Ausruf ?Frauen und Kinder zuerst? erklang wohl zum ersten Mal 1852 auf der HMS Birkenhead, die vor der südafrikanischen Küste unterging. Höflich ließ man Frauen und Kinder in die Rettungsboote, von denen viel zu wenige zur Verfügung standen. Mehr als 400 Männer ertranken oder wurden von Haien zerfleischt, während alle Frauen und Kinder überlebten.

Die Birkenhead und die Titanic waren allerdings die einzigen der 18 untersuchten Schiffe, auf denen Frauen einen Überlebensvorteil hatten, entdeckten die Forscher. Sie hatten eine Datenbank von 18 Katastrophen auf See erstellt, in der das Schicksal von mehr als 15.000 Passagieren und Besatzungsmitgliedern aus über 30 Ländern festgehalten ist. Dabei achteten sie unter anderem darauf, wie lange ein Schiff vor dem Unglück schon unterwegs gewesen war und welchen Einfluss der Kapitän auf das Verhalten der Männer hatte. Das Ergebnis überraschte: Insgesamt waren die Überlebenschancen von Frauen um die Hälfte geringer als die der Männer. Und die Wahrscheinlichkeit, dass Besatzungsmitglieder ein Unglück überlebten, war um fast 20 Prozent höher als die der Passagiere.

Seit dem Ersten Weltkrieg überleben zwar mehr Frauen als zuvor, jedoch immer noch weniger als Männer, ergab die Auswertung. Sie zeigte auch, dass nur neun der 16 Kapitäne mit ihrem Schiff untergingen. Wenn die Kapitäne allerdings ausdrücklich anweisen, dass Frauen und Kindern zuerst auf die Rettungsboote sollten, erhöhte sich die Überlebenswahrscheinlichkeit der Frauen sehr. Die Forscher leiten daraus ab, dass es bei Schiffsunglücken und anderen Katastrophen auf das Verhalten der Führung ankommt.
Mikael Elinder (Uppsala University) et al.: PNAS,
doi: 10.1073/pnas.1207156109


© wissenschaft.de ? Sabine Kurz


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