Wenn sich die Bevölkerung über Nacht verzehnfacht

Ein mathematisches Modell amerikanischer Forscher entscheidet einen alten Streit unter Historikern: Seit langem hatten Wissenschaftler darüber debattiert, ob es bei der Zahl römischer Bürger im ersten Jahrhundert tatsächlich einen Anstieg von 400.000 auf vier Millionen Menschen gegeben hatte, wie Quellen nahelegen. Hinter dieser vermeintlichen Bevölkerungsexplosion steckt jedoch in Wahrheit nur eine Änderung der Zählmethode unter Augustus, bei der zusätzlich zu den Männern auch die Frauen und Minderjährigen einbezogen wurden. Das konnten Forscher um Peter Turchin von der Universität von Connecticut in Storrs nun in einem mathematischen Modell nachweisen.
In der späten Römischen Republik gab es wegen häufiger Unruhen keine Schätzungen der Bevölkerungszahl, was die Historiker vor die Aufgabe stellt, den sprunghaften Anstieg der Zahl römischer Bürger im ersten Jahrhundert mit eigenen Modellen zu erklären. Die Verleihung des Bürgerrechts an die Italiker nach den Bundesgenossenkriegen rechtfertigt lediglich einen Anstieg um 40 Prozent. Wäre die Bevölkerungszahl hingegen auf natürlichem Wege so stark gewachsen, hätte die Bevölkerung insgesamt aus 20 Millionen Menschen bestehen müssen, was ökonomisch unmöglich ist. Auch hätte Rom in der Phase nicht Abermillionen von Sklaven als Arbeitskräfte importiert. Zudem geht die Einwohnerrate in Kriegszeiten stets zurück.

Um die Frage mit einem naturwissenschaftlichen Ansatz zu beantworten, quantifizierten die Forscher um Peter Turchin die Wirkung kriegerische Auseinandersetzungen auf die Entwicklung der Bevölkerung: Als Parameter werden die Zahl der Bürger und die Häufigkeit von Funden vergrabener Münzen hinzugezogen. Diese sogenannte Münzhorte zeigen Kriegszeiten und politische Krisen an, da die Menschen durch Vergraben ihres Besitzes versuchten, diesen über die schlechten Zeiten hinüberzuretten. Weitere Parameter waren der maximale Zuwachs der Bevölkerungszahl in Friedenszeiten und der dämpfende Effekt von gewaltsamen Auseinandersetzungen.

Dieses Modell glichen die Wissenschaftler mit den Zahlen des zweiten vorchristlichen Jahrhunderts ab, für das präzise Daten vorhanden sind. Für das Folgejahrhundert konnten die Forscher so einen leichten Bevölkerungsschwund prognostizieren ? was für die These spricht, dass es im 28 vor Christus tatsächlich eine Änderung der Zählmethoden gab. Für die Pax Augusta, die Friedenszeit unter dem Prinzipat des Augustus, sagt das Modell dann die tatsächlich eingetretene Zunahme der römischen Bürger vorher.

Die Forscher belegen nicht nur anhand neuzeitlicher Auseinandersetzungen in England, Frankreich und in China, dass die Häufung von Münzhorten als verlässlicher Gradmesser für Instabilität dienen kann: Das vergrabene Hab und Gut spiegelt auch die Auseinandersetzungen zwischen Welfen und Staufern sowie den 30-jährigen Krieg wider.
Peter Turchin (Universität von Connecticut, Storrs) et al: PNAS, doi: 10.1073/pnas.0904576106

ddp/wissenschaft.de - Rochus Rademacher


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