Vorurteile, Wahrnehmung und der Herzschlag

Vorurteile beeinflussen unser Verhalten und die Wahrnehmung vermeintlicher Bedrohungenn (Foto: Guaso/ iStock)

Ob gegenüber Flüchtlingen oder Afroamerikanern: Vorurteile gegen bestimmte gesellschaftliche Gruppen oder Menschen anderer Hautfarbe manifestieren sich gerade in jüngster Zeit verstärkt. Eine Studie enthüllt nun nicht nur, welche unbewussten Mechanismen dahinter stehen, sondern auch, welche Rolle unser Herzschlag dabei spielt. Denn ein erhöhter Puls und Blutdruck können stereotype Reaktionen noch verstärken - und zu fatalen Irrtümern führen.

Konflikte zwischen Menschen verschiedener Herkunft oder Rasse nehmen momentan vor allem in den westlichen Ländern zu. Bei uns geschieht dies in Form von verbalen und körperlichen Angriffen auf Flüchtlinge, in den USA sind es die Afroamerikaner, die häufig unter Generalverdacht der Kriminalität fallen. "Jüngste Statistiken aus den USA enthüllen, dass unbewaffnete Afroamerikaner mehr als doppelt so häufig von der Polizei getötet werden als Weiße", berichten Ruben Azevedo von der Royal Holloway University of London und seine Kollegen. "Das ist ein eklatantes Beispiel dafür, wie implizite Stereotype das Verhalten beeinflussen können." Studien zeigen beispielsweise, dass Probanden häufiger harmlose Objekte irrtümlich als Waffen wahrnehmen, wenn sie von dunkelhäutigen Personen gehalten werden. Gleichzeitig belegen Versuche, dass emotionale Erregung wie Angst oder Wut, solche von bewussten oder unbewussten Vorurteilen geleiteten Irrtümer noch verstärken. Welche Rolle aber körperliche Signale für diese psychischen Erregungszustände spielen und wie sie unsere Reaktion auf Stereotypen beeinflussen, blieb bisher weitgehend unerforscht.

Wie der Herzschlag die Psyche beeinflusst

Azevedo und seine Kollegen haben nun einen Aspekt dieser Körper-Gehirn-Kommunikation im Kontext von Vorurteilen näher untersucht – den Herzschlag. Schon länger ist bekannt, dass die Blutdruckrezeptoren an den herznahen Arterien bei jedem Herzschlag Rückmeldung an das Gehirn senden und gleichzeitig dazu beitragen, den Blutdruck und Puls zu regulieren. Darüber hinaus aber beeinflussen die Signale dieser Barorezeptoren auch unsere Psyche: "Das Feuern der Rezeptoren moduliert eine Reihe von psychologischen Reaktionen, darunter die Verarbeitung von Sinnesreizen und Schmerzen, aber auch das Lang- und Kurzzeitgedächtnis", erklären die Forscher. Die Reaktion eines Menschen fällt daher leicht unterschiedlich aus, je nachdem ob ein äußerer Reiz direkt beim Herzschlag, also der Systole, eintrifft oder aber im Blutdruck-"Tal" zwischen den Herzschlägen. Für ihre Studie führten die Forscher daher mit männlichen und weiblichen Versuchspersonen zwei klassische Vorurteilstests durch, deren entscheidender Reiz jeweils entweder mit dem Herzschlag zusammenfiel oder mit dem "Tal".

Im ersten Experiment sahen die Versuchspersonen ein Foto eines schwarzen oder weißen Amerikaners und unmittelbar darauf kurz das Bild entweder eines Werkzeugs oder einer Waffe. Per Klick sollten die Versuchspersonen nun angeben, was sie gesehen zu haben glaubten – Waffe oder Werkzeug. "Das Vorhandensein von rassebezogenen Vorurteilen spiegelt sich in diesem Test typischerweise darin wieder, dass die Probanden nach dem Bild eines Schwarzen häufiger eine Waffe zu erkennen glauben", erklären die Wissenschaftler. Im konkreten Tests jedoch zeigte sich Überraschendes: Wurden die Bilder zwischen den Herzschlägen gezeigt, gab es nur geringe Hinweise auf unbewusste Vorurteile bei den Probanden. Anders dagegen, als Testbilder genau mit dem Blutdruckschub der Systole zusammenfielen: Nun glaubten die Probanden nach den Fotos der Afroamerikaner signifikant häufiger eine Waffe zu sehen als nach dem Portrait eines Weißen. "Mit anderen Worten: Die Verarbeitung potenziell rasserelevanter Reize führt während der Systole zu mehr vorurteilsbedingten Fehlern als während der Diastole", berichten Azevedo und seine Kollegen.

Hoher Puls – mehr stereotype Irrtümer

Dieser Effekt bestätigte sich in einem zweiten Experiment. In diesem nahmen die Probanden am Bildschirm die Perspektive eines klassischen "Ego-Shooters" ein. Dann wurde eine Person eingeblendet, die einen Gegenstand in der Hand hielt. Innerhalb von Sekundenbruchteilen sollten die Probanden nun entscheiden, ob ihr Gegenüber eine Waffe hielt oder nicht und im ersten Falle schießen. "Typischerweise schießen Probanden bei diesem Test eher irrtümlich auf Schwarze als auf Weiße, erklären die Forscher. Doch die Auswertung ergab auch hier einen engen Zusammenhang mit der Herzschlag-Phase: Während die Systole erschossen die Probanden zehn Prozent häufiger irrtümlich einen schwarzen Gegner als zwischen den Herzschlägen.

"Unsere Ergebnisse identifizieren damit zum ersten Mal Signale vom Körper ans Gehirn, die rassistisch beeinflusstes Verhalten beeinflussen", konstatieren Azevedo und seine Kollegen. "Die afferente kardiale Aktivität beeinflusst die Manifestation von rassebezogenen Stereotypen." Auf den ersten Blick scheint dies nur wenig praktische Auswirkungen zu haben, da unser Herz ständig schlägt und potenziell kritische Situationen oft länger als einen Herzschlag dauern. Doch gerade in einer tatsächlichen oder bloß vermeintlichen Bedrohungssituation spielen Blutdruck und Puls eine wichtige Rolle: "Wenn wir physisch und emotional erregt sind – wie beispielsweise in einer spannungsgeladenen Situation, dann schlägt unser Herz schneller und stärker", erklärt Azevedo. "Das aber kann die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass wir eine Bedrohung sehen, wo gar keine ist, wie unsere Studie demonstriert." Die Forscher gehen davon aus, dass diese Reaktion nicht nur bei Vorurteilen gegenüber Afroamerikanern auftritt, sondern auch in anderen von Stereotypen geleiteten Situationen. Bei uns in Europa könnten daher unbewusste Vorurteile gegenüber Flüchtlingen oder arabisch aussehenden Menschen unser Verhalten stärker beeinflussen, wenn wir ohnehin erregt sind und einen hohen Puls haben.

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