Editor's Pick: Powered by Cognition

Eine zerknüllte Zeitung (Foto: flyparade/iStock)

In letzter Zeit machen sich viele über Falschnachrichten Sorgen und fordern, etwas dagegen zu unternehmen. Der FAZ-Herausgeber Jürgen Kaube hält das für naiv und fordert dazu auf, sich vielmehr zu fragen, warum so viele Menschen Fake-News akzeptieren. Eine berechtigte Kritik, findet der bdw-Chefredakteur, aber sie verfehlt den zentralen Punkt. Letztlich geht es darum, mit Andersdenkenden ins Gespräch zu kommen.

Vor 15 Jahren gab es an der Universität Bielefeld ein Graduiertenkolleg, in dem Doktoranden aus den Fächern Philosophie und Soziologie zur Zusammenarbeit verpflichtet wurden. Sie sollten gemeinsam untersuchen, was die Wissenschaft vorantreibt. Die fachübergreifende Kooperation war nicht einfach, das kann ich als Teilnehmer bezeugen. Die Soziologen interessierten sich dafür, wer in der Wissenschaft und in der Forschungspolitik das Sagen hat und warum. Sie zeigten mir, dass Wissenschaft letztlich von Menschen gemacht wird. Die Philosophen, zu denen ich zählte, gingen vielmehr davon aus, dass die Wissenschaft rational abläuft und fragten, welche Argumente sich durchgesetzt haben und warum.

Diese Vorrede erklärt vielleicht, warum ich nun einen klugen Artikel des FAZ-Herausgebers Jürgen Kaube kritisiere, der vor meiner Zeit in Bielefeld als Soziologe geforscht hat. Kaube nimmt die allgegenwärtige Sorge um Falschnachrichten aufs Korn: Gelogen wurde auch früher schon, schreibt er, und Silvio Berlusconi sei nicht mit Facebook groß geworden. Das passt zu einem Interview, das ich im November mit dem Soziologen Wolfgang van den Daele geführt habe, der in den 1980er-Jahren auch einmal an der Universität Bielefeld war. Auf den Brexit und Donald Trump und die vielen Falschaussagen in den öffentlichen Debatten angesprochen erwiderte er: Es zähle in der Demokratie "am Ende der politische Wille als solcher – und nicht, ob er gut begründet ist".

Was über den Tag hinaus wichtig bleibt

Im Unterschied zu uns Philosophen haben die Soziologen an der Universität Bielefeld nicht gefragt, wer in der Wissenschaft Recht hat. Sie wollten vielmehr wissen, wer sich mit welchen Mitteln durchsetzt. Diese Perspektive sollte für mich als Journalist noch wichtig werden. Aber sie hinterließ bei mir ein flaues Gefühl, denn es kommt nach meiner Ansicht schon darauf an, wer die besseren Argumente hat. Jürgen Kaube macht sich in seinem Artikel lustig über die Menschen, die glauben, sie könnten Andersdenkende mit Argumenten überzeugen. "Denkt wirklich jemand, eine Leserschaft, die an Verschwörungstheorien glaubt ..., wäre durch ein Gütesiegel 'Powered by cognition' ... zu beeindrucken?", schreibt er. Kaube wettert gegen eine Art Stiftung Warentest für Nachrichten: Man könne Menschen anderer Meinung nicht dazu zwingen, ihre – noch so absurden – Meinungen aufzugeben.

Mir gefällt der Slogan "Powered by cognition" hingegen ganz gut. Ich finde, dass wir die Veröffentlichung von Falschnachrichten nicht hinnehmen sollten, und ich habe Respekt vor allen, die sich dagegen stemmen. Es ist zwar schwer, andere mit Argumenten zu überzeugen – diesen Punkt gestehe ich den Soziologen zu. Aber wir sollten den Versuch nicht aufgeben. Zugleich müssen wir fragen, warum sich jemand für eine Falschnachricht begeistert. Diese Frage wird zu selten gestellt, weil wir zu schnell zum Ergebnis kommen, dass unser Gegenüber einfach blöd ist. Wir interessieren uns manchmal zu wenig für die Menschen – auch hier kann man von der Soziologie lernen.

Aber die Haltung von Jürgen Kaube ist mir zu kurzfristig gedacht. Wir wollen auch über den Tag hinaus Recht behalten und lassen uns an unseren Aussagen messen. Wenn wir miteinander im Gespräch bleiben, können wir nicht ständig unsere Meinung oder unsere Argumente ändern. Das ginge nur, wenn wir die Nachrichten jeden Tag frisch betrachten würden – ganz so, als hätten sie keine Geschichte. Aber irgendwann nutzt sich die Glaubwürdigkeit der Fake-News-Produzenten ab, wenn man ihnen immer wieder Fehler nachweisen kann. Die gefühlte Wahrheit hat den Nachteil, dass sie an den Gefühlen hängt, und die Gefühle vergänglich sind. Als Zeugen kann ich sogar den Soziologen van den Daele zitieren, der mir sagte: "Wenn es gelingt, die politischen Akteure in einen Dialog einzubinden, relativiert sich das Gewicht der Gefühle."

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