Welche Zukunft wollen wir?

Auf in die Zukunft - die bdw-Redaktion hat zur Diskussion ins Naturkundemuseum Stuttgart geladen. (Foto: Thomas Klink)

In der aktuellen bdw-Ausgabe werfen Wissenschaftler einen Blick in die Zukunft und fragen: Was wird man einmal über uns sagen? In einer Diskussionsrunde in Stuttgart sprachen die Forscher darüber, welche Schlüsse aus ihren Szenarien zu ziehen sind. Es zeigte sich: Den richtigen Umgang mit neuen Technologien lernt der Mensch oft erst spät und nach vielen Rückschlägen.

Johanna Eder versetzt sich gleich eine Million Jahre in die Zukunft. Die Leiterin des Naturkundemuseums Stuttgart kann in den Sammlungen ihres Hauses fünf Katastrophen in der Erdgeschichte ausmachen, in denen ein Großteil der Tier- und Pflanzenarten ausstarb. Derzeit läuft die sechste Welle – ausgelöst durch den Menschen. "Nach einem solchen Ereignis dauert es Millionen von Jahren, bis sich das Leben neu organisiert", sagte Johanna Eder am 15. Februar bei einer Diskussionsrunde von "bild der wissenschaft". "Welche Zukunft wollen wir?", lautete die zentrale Frage, die auch auf der Titelseite der aktuellen Ausgabe steht. Johanna Eder drängt zu mehr Artenschutz, da sie eine monotone Natur aufziehen sieht. In einer Million Jahren werden sich Flora und Fauna auf allen Kontinenten gleichen: Generalisten, die mit ganz unterschiedlichen Umweltbedingungen zurechtkommen wie beispielsweise der Löwenzahn, werden sich ausbreiten. Artenreiche Lebensgemeinschaften wird man nur noch im Hochgebirge bei 5000 oder 6000 Metern finden, weil es deutlich wärmer sein wird.

Reinhold Leinfelder, Geologe an der Freien Universität Berlin, lenkte den Blick auf die nähere Zukunft und beschrieb einen Bohrkern, den man in 10.000 Jahren aus dem Boden von Berlin ziehen könnte. Aus unserer Zeit werden zahlreiche "Technofossilien" erhalten sein: Plastik, Beton, Aluminium, radioaktives Material. Auf den darüber liegenden Schichten, die einige tausend Jahre in der Zukunft liegen, stellt sich Leinfelder einen grundlegenden Wandel vor: Die Menschen lernen, mit der Natur zu leben und nicht mehr von ihr. Doch der Weg dahin ist schwierig. Davon zeugen nicht zuletzt die Schlachtfelder der Roboterkriege.

Wir schaffen das (wenn auch spät)!

Vor bestimmten Formen Künstlicher Intelligenz warnte auch die Technikphilosophin Catrin Misselhorn von der Universität Stuttgart. Sie rechnet zwar damit, dass Maschinen irgendwann moralische Prinzipien in ihre Berechnungen einbeziehen werden. Aber diese Entwicklung sollte die Gesellschaft genau verfolgen, weil manche Form maschineller Intelligenz problematisch wären. Als Beispiel nannte Catrin Misselhorn einen Roboter, der wirklich überlegen kann, ob er sich moralisch oder doch lieber unmoralisch verhält. Sie warnt auch davor, Roboter zu menschenähnlich zu gestalten, weil Menschen dann dazu neigen, den Maschinen Gefühle zuzuschreiben. Ihr sind Geräte lieber, denen man ansieht, dass sie technische Geräte sind.

In der Digitalisierung sieht Frithjof Staiß einen von mehreren Faktoren, die unseren Alltag und damit unseren Konsum und Energieverbrauch ändern. Staiß leitet das Zentrum für Sonnenenergie- und Wasserstoffforschung Baden-Württemberg (ZSW) und begutachtet regelmäßig die Monitoring-Berichte der Bundesregierung zur Energiewende. "Wir werden die Energiewende in den Griff bekommen – früher oder später", sagte er in der Diskussionsrunde. Die Wende komme zwar spät und lasse daher einige gefährliche Folgen des Klimawandels zu, aber die größeren Schwierigkeiten sieht Frithjof Staiß im Ressourcenverbrauch. Auch in 100 Jahren, so seine Prognose, werden wir keine vollständige Kreislaufwirtschaft etabliert haben.

Das Volk in der Verantwortung

Zwischen Sorge und Hoffnung schwankt auch Ernst Ulrich von Weizsäcker. Der SPD-Politiker ist heute Co-Präsident des Club of Rome, der einst mit dem Bericht "Die Grenzen des Wachstums" eine Debatte über den Umgang mit den natürlichen Ressourcen auslöste. Derzeit arbeitet der Club of Rome an einem Bericht, der zweideutig mit "Come on!" überschrieben werden soll: Den Titel kann man je nach Betonung als "Ich bitte Dich!" und als "Auf geht's!" übersetzen. Im Kern forderte Weizsäcker "eine neue Art der Aufklärung", die sich vom vermeintlich rationalen Egoismus löst und stets eine Balance anstrebt – etwa zwischen Markt und Staat. Auf den Wunsch einer bdw-Leserin angesprochen, dass die Welt mehr verantwortungsvolle Politiker brauche, spielte Weizsäcker den Ball zurück: Man brauche vor allem verantwortungsvolle Bürger.

Und wie blicken die Bürger in die Zukunft? Nur wenige Gäste zeigten sich pessimistisch. Die große Mehrheit gab sich an diesem Abend als Optimisten zu erkennen.

© wissenschaft.de - Alexander Mäder
16.02.2017
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