Moral, Religion und Atheismus

Das Vorurteil, Atheisten seien unmoralischer als Gläubige, ist überraschend weit verbreitet (Foto: AlexLMX/ iStock)

Gerade bei religiösen Menschen gilt der Glaube vielfach als Richtschnur für die Moral – und im Umkehrschluss der Gläubige als tendenziell moralischer als ein Atheist. Wie verbreitet diese Ansicht in verschiedenen Kulturen, Religionen und auch bei Atheisten selbst ist, haben nun Forscher erstmals untersucht. Das überraschende Ergebnis: Selbst Atheisten trauen ihresgleichen eher einen Mord und andere extrem unmoralische Handlungen zu.

Unsere Moralvorstellungen sagen uns, dass es unzulässig und verwerflich ist, zu lügen, zu stehlen oder andere Menschen zu töten. Fast instinktiv haben nahezu alle menschlichen Gesellschaften solche Grundregeln entwickelt. Doch was bestimmt, wie moralisch ein Mensch handelt? Einer Theorie nach spielt die Religion dafür eine wichtige Rolle: Sie gilt gemeinhin als wichtige Richtschnur für die Moral und soll soziales Verhalten fördern. "Die Frage, ob Moral von religiösem Glauben abhängig ist, hat schon eine sehr lange Geschichte", erklären Will Gervais von der University of Kentucky und seine Kollegen. So behauptete schon der chinesische Philosoph Mozi, dass der Glaube an Geister essenziell für die moralische Kontrolle sei. Der griechische Philosoph Plato debattierte in seinem Werk "Euthyphro" darüber, ob man Moral ohne Bezug auf eine göttliche Referenz überhaupt definieren könne. Und auch heute noch sind viele Menschen der Ansicht, dass Moral und Religion eng verknüpft sind – und das im Umkehrschluss Atheisten eher zu unmoralischem Verhalten neigen.

Vorurteil auf dem Prüfstand

Wie verbreitet dieses Vorurteil gegenüber Atheisten ist und welche Rolle die eigene Kultur und Religion dafür spielt, haben Gervais und seine Kollegen nun erstmals umfassend ermittelt. Für ihre Studie befragten sie jeweils mehr als 100 Menschen in 13 verschiedenen Ländern auf fünf Kontinenten. "Unsere Auswahl repräsentiert sowohl säkulare Gesellschaften wie Tschechien, China oder die Niederlande als auch hochreligiöse wie Saudi-Arabien und Indien, sie umfasst zudem verschiedene Religionen und religiöse Traditionen sowie ganz unterschiedliche kulturelle, politische und sozioökonomische Kontexte", betonen die Forscher. Jeder Teilnehmer bekam eine fiktive Beschreibung eines Mannes, der als Kind schon Tiere gequält hat und der als Erwachsener den Mord und die Verstümmelung von fünf Obdachlosen begangen hat. Am Schluss bekamen die Teilnehmer eine von zwei Fragevarianten gestellt: Ist es wahrscheinlicher, dass dieser Mann ein Lehrer oder aber ein gläubiger Lehrer ist? Oder aber: Ist es wahrscheinlicher, dass dieser Mann ein Lehrer oder ein nicht an Gott glaubender Lehrer ist? Auf diese Weise wurde kein Teilnehmer direkt danach gefragt, ob der Täter eher gläubig oder ungläubig ist", erklären die Forscher.

"Unsere Ergebnisse liefern starke Belege für ein extremes intuitives Vorurteil gegen Atheisten", berichten Gervais und seine Kollegen. 58 Prozent der Teilnehmer hielten den Täter eher für einen Atheisten, nur 30 Prozent für einen religiösen Menschen. "Demnach halten Menschen extreme Unmoral bei einem Atheisten für doppelt so wahrscheinlich als für Gläubige", so die Forscher. Zwar gab es dabei Unterschiede zwischen den Ländern, dennoch war diese Einstellung unabhängig davon, ob die Befragten in Ländern mit christlichen, moslemischen, hinduistischen oder nichtgläubiger Bevölkerungsmehrheit lebten. Wie tiefverwurzelt dieses Vorurteil ist, belegte ein Zusatzexperiment, in dem es um den sexuellen Missbrauch eines Priesters an einem Jungen ging. "Die Menschen gingen intuitiv davon aus, dass dieser Priester eher gar nicht an Gott glaubt, als dass er wirklich gläubig ist", berichten die Wissenschaftler.

Selbst Atheisten halten Atheisten für unmoralischer

Interessant aber war ein weiteres Ergebnis: Als die Forscher gezielt nachschauten, wie die Atheisten unter ihren Teilnehmern geantwortet hatten, zeigte sich Überraschendes. Denn selbst Atheisten halten offenbar atheistische Menschen eher zu unmoralischem Handeln fähig als gläubige Menschen. Dem Atheisten schrieben 58 Prozent die Täterschaft zu, dem Gläubigen nur 28 Prozent. "Dieser Effekt tritt selbst in hochsäkularen Ländern wie China, Tschechien, Australien, den Niederlanden oder Großbritannien auf", berichten Gervais und seine Kollegen. In einem weiteren Zusatzversuch hielten die Teilnehmer intuitiv einen Übeltäter eher für einen Atheisten als für jemanden, der die Evolution leugnet, an Horoskope glaubt oder ein Klimaskeptiker ist. Nach Ansicht der Forscher demonstriert dies, dass die Neigung zur Unmoral nicht Skeptikern allgemein zugeschrieben wird, sondern spezifisch den Menschen, die keinen religiösen Glauben besitzen.

"Damit enthüllen unsere Ergebnisse eine große Kluft zwischen der wissenschaftlichen Sicht zum Zusammenhang von Religion und Moral und dem, was Laien darüber annehmen", konstatieren Gervais und seine Kollegen. Denn psychologischen Studien nach könne Religion zwar möglicherweise einige moralische Entscheidungen beeinflussen. Die moralischen Grundinstinkte jedoch seien davon unabhängig. Dennoch gilt landläufig der Glaube offensichtlich noch immer als Grundpfeiler und Garant für moralisches Verhalten – und dies selbst bei Atheisten. "Diese tief verwurzelte Misstrauen gegenüber der Moral von Atheisten deutet darauf hin, dass der machtvolle Einfluss der Religion weiterhin dominiert, selbst unter Nichtgläubigen in säkularen Gesellschaften", so das Fazit der Forscher.

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