Oxytocin schwächt Fremdenfeindlichkeit

Das "Kuschelhormon" beeinflusst auch unsere Haltung Flüchtlingen gegenüber. (Foto: SafakOguz/ iStock)

Der als Kuschel- und Bindungshormon bekannte Botenstoff Oxytocin spielt offenbar auch eine Rolle für unser Verhalten gegenüber Migranten. Ein Experiment zeigt: Wer Flüchtlingen gegenüber ohnehin eher positiv eingestellt ist, spendet unter Einfluss des Hormons sogar noch großzügiger für diese Gruppe von Bedürftigen. Bei Menschen mit einer tendenziell fremdenfeindlichen Haltung bewirkt das Oxytocin allein zwar keine Veränderung - eine Kombination aus Hormon und positiven Vorbildern allerdings schon.

Oxytocin gilt gemeinhin als Kuschelhormon, Beziehungskitt und Glücklichmacher. Kein Wunder: Schließlich ist der Botenstoff nicht nur dafür verantwortlich, nach der Geburt die Bindung zwischen Mutter und Kind zu stärken. Seine Wirkung geht noch weit darüber hinaus. So macht uns das Hormon unter anderem zu treuen Partnern, stärkt unsere Empathie und verleiht uns eine optimistische Weltsicht. Gleichzeitig hemmt es Angst und dämpft Misstrauen gegenüber anderen. Auf diese Weise nimmt das Oxytocin entscheidenden Einfluss auf unser Sozialverhalten. Der Gedanke, dass es auch eine Rolle für unser Verhalten gegenüber Migranten spielen könnte, liegt daher nahe. Nachgewiesen aber war dieser Zusammenhang bisher nicht. "Aus neurobiologischer Sicht sind die Grundlagen von Fremdenfeindlichkeit und Altruismus noch nicht genau verstanden", sagt René Hurlemann von der Universität Bonn.

Spenden unter Hormoneinfluss

Er und seine Kollegen sind diesem Phänomen deshalb nun genauer nachgegangen. Die Forscher wollten wissen: Kann sich das Bindungshormon Oxytocin womöglich auf die Spendenbereitschaft für Flüchtlinge auswirken? Um das zu überprüfen, befragten sie 183 deutsche Studierende im Alter zwischen 21 und 24 Jahren mithilfe eines Fragebogens zu ihrer persönlichen Einstellung gegenüber Flüchtlingen und ließen sie anschließend eine Spendenaufgabe am Computer absolvieren. Dabei wurden die konkreten Spendenanliegen von 50 hilfsbedürftigen Menschen vorgestellt - 25 davon kamen aus Deutschland, 25 weitere waren Flüchtlinge. Mit einem Startguthaben von 50 Euro mussten die Probanden nun für jeden Fall gesondert entscheiden: Wollten sie eine Summe zwischen null und einem Euro spenden? Spendeten sie nicht, durften die Teilnehmer das restliche Geld behalten. Das Besondere: Vor dem Spendentest bekam eine Hälfte der Studierenden Oxytocin über ein Nasenspray verabreicht, die andere Hälfte erhielt lediglich ein Scheinmedikament und diente als Kontrollgruppe.

Wie würde sich der Botenstoff auswirken? Es zeigte sich: Bei Testpersonen, die im Fragebogen eine tendenziell positive Einstellung gegenüber Migranten bewiesen hatten, verdoppelten sich unter dem Einfluss des Oxytocins die Spenden für Flüchtlinge ebenso wie die für Einheimische. Bei Probanden mit einer eher abwehrenden Haltung gegenüber Flüchtlingen hatte das Oxytocin hingegen keinerlei Effekt. In dieser Gruppe fiel die Spendenneigung auch unter Hormoneinfluss gegenüber allen Bedürftigen sehr gering aus. "Offensichtlich verstärkt Oxytocin die Großzügigkeit gegenüber Bedürftigen; fehlt diese altruistische Grundhaltung, vermag die Gabe des Hormons sie jedoch nicht von allein zu erzeugen", sagt Hurlemann.

Effektvolle Kombination

Die Wissenschaftler fragten sich, ob es trotzdem ein geeignetes Mittel gibt, um Menschen mit einer tendenziell fremdenfeindlichen Haltung zu mehr Altruismus zu motivieren: Könnte möglicherweise die Vorgabe sozialer Normen ein Ansatzpunkt sein? Um das zu testen, präsentierten die Forscher Probanden in einem weiteren Durchgang zu jedem Fallbeispiel das durchschnittliche Spendenergebnis ihrer Vorgänger, die sich großzügig gegenüber Flüchtlingen gezeigt und für sie sogar mehr gespendet hatten als für einheimische Bedürftige. Außerdem bekam die Hälfte der Teilnehmer erneut Oxytocin verabreicht. Das erstaunliche Ergebnis: "Durch die kombinierte Darreichung von Hormon und sozialer Norm spendeten auch Personen mit einer an sich negativen Grundeinstellung bis zu 74 Prozent mehr für Flüchtlinge als in der vorangegangenen Runde. Die Spenden für Einheimische nahmen hingegen nicht zu", berichtet Erstautorin Nina Marsh von der Universität Bonn. Als Folge reichte das Spendenaufkommen der Fremdenskeptiker bis auf nahezu 50 Prozent an das der altruistischen Gruppe heran.

Doch was bedeuten diese Ergebnisse konkret für unseren Alltag? "Skepsis gegenüber Migranten könnte mit sozialen Normen begegnet werden", meint Hurlemann. Wenn etwa vertraute Menschen wie Vorgesetzte, Nachbarn oder Freunde mit gutem Vorbild vorangingen, ihre positive Einstellung für Flüchtlinge öffentlich machten und an den Altruismus appellierten, würden sich wahrscheinlich auch mehr Personen aus der tendenziell fremdenfeindlichen Gruppe durch diese soziale Richtschnur motiviert fühlen mitzuhelfen. Das Bindungshormon Oxytocin könnte dabei Vertrauen stärken und Ängste abmildern: Bei gemeinsamen Aktivitäten steigt erfahrungsgemäß der Oxytocin-Spiegel im Blut. "Das wäre eine ideale Situation, um die Akzeptanz und Integration von Zugewanderten zu fördern, die auf unsere Hilfe angewiesen sind", schließt Hurlemann.

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