Die Mär von der "Geschlechtsverwirrung"

Auch mit zwei Müttern entwickeln Kinder eine normale Geschlechtsidentität und sexuelle Orientierung (Foto: Portra/iStock)

Brauchen Kinder einen Vater und eine Mutter, um sich gut entwickeln zu können? Von Gegnern der Ehe und dem gleichen Adoptionsrecht für alle wird diese Frage gerne bejaht. Viele wissenschaftliche Studien sprechen jedoch dagegen. Nun wird dies durch eine aktuelle Untersuchung erneut bekräftigt. Die Studie zur Entwicklung von adoptierten Kindern lesbischer, schwuler und heterosexueller Paare in den USA zeigt: Ob sich Kinder geschlechterkonform verhalten, das beeinflussen zahlreiche Faktoren - die sexuelle Orientierung der Eltern aber gehört nicht dazu.

Nach jahrzehntelangem Ringen hat der Bundestag vor eineinhalb Monaten die Ehe für alle beschlossen. Damit dürfen künftig auch homosexuelle Paare offiziell heiraten und sind verheirateten heterosexuellen Paaren rechtlich gleichgestellt. Praktisch wirkt sich das vor allem beim Adoptionsrecht aus: Bisher gab es für Paare in einer eingetragenen Lebenspartnerschaft nur die Möglichkeit einer sogenannten Sukzessivadoption. Dabei konnte ein Lebenspartner ein Kind annehmen, das der andere bereits adoptiert hatte. Eine gemeinsame und gleichzeitige Adoption aber war verboten - mit der Ehe für alle ändert sich das. Die neue rechtliche Gleichstellung beim Thema Adoption ruft naturgemäß auch Kritiker auf den Plan. Gegner der gleichgeschlechtlichen Ehe beharren darauf, dass zu einer Familie immer ein Vater und eine Mutter gehören müssen.

Das Argument: Nur wenn Kinder sowohl männliche als auch weibliche Vorbilder in ihrem familiären Umfeld haben, können sie sich gut entwickeln. Wissenschaftliche Untersuchungen deuten jedoch auf etwas Anderes hin. Ob Kinder von homo- oder heterosexuellen Eltern aufgezogen werden, spielt demnach für ihre Entwicklung keine Rolle - auch nicht in Bezug auf ihre sexuelle Orientierung und Geschlechtsidentität. Die Befürchtung, dass Kinder in gleichgeschlechtlichen Partnerschaften beispielsweise keine typischen Geschlechterrollen lernen, wäre demzufolge unbegründet. Eine US-amerikanische Studie zur Entwicklung von adoptierten Kindern lesbischer, schwuler und heterosexueller Paare untermauert diese Schlussfolgerung nun erneut.

Sexuelle Orientierung macht keinen Unterschied

Für ihre Untersuchung begleiteten Rachel Farr von der University of Kentucky in Lexington und ihre Kollegen 106 Familien. In der ersten Phase der Studie beobachteten die Forscher, wie und mit welchen Spielzeugen die dreizehn bis 72 Monate alten Kinder in den Familien spielten. Außerdem befragten sie die Eltern zum Verhalten ihrer Sprösslinge. Fünf Jahre später, als die kleinen Probanden im Schnitt acht Jahre alt waren, kehrten die Wissenschaftler zurück. Diesmal interviewten sie die Kinder, um mehr über deren Interessen, Verhalten und Persönlichkeitsmerkmale herauszufinden. Die anschließende Auswertung der Ergebnisse zeigte: Ob sich die Kinder geschlechterkonform verhielten oder nicht, war von der Familienstruktur, in der sie aufgewachsen waren, offenbar kaum beeinflusst worden.

Vielmehr legten die meisten der Probanden bereits in ihren ersten Lebensmonaten ein Spielverhalten an den Tag, das als typisch für ihr Geschlecht angesehen werden kann. Die wenigen Kleinkinder, die vermehrt mit Spielzeug spielten, dass typischerweise nicht ihrem Geschlecht zugeordnet wird, zeigten auch fünf Jahre später seltener das klassische geschlechterkonforme Verhalten, etwa in Bezug auf Interessen und Aktivitäten. Diese Kinder fanden sich jedoch über alle Familienstrukturen hinweg: "Die sexuelle Orientierung der Eltern machte keinen signifikanten Unterschied", schreibt das Team. Ob ein Kind so heranwächst, dass es später geschlechtertypische Rollenbilder erfüllt - darüber sagt das bevorzugte Spielzeug demnach mehr aus als das Geschlecht der Erziehungsberechtigten.

"Unsere Ergebnisse legen erneut nahe, dass die Entwicklung der Geschlechtsidentität bei adoptierten Kindern homosexueller Paare ähnlich verläuft wie bei denjenigen heterosexueller Paare", sagt Farr. "Sowohl ein männliches als auch ein weibliches Vorbild Zuhause zu haben scheint demnach nicht nötig zu sein, um sich geschlechtstypisch zu entwickeln. Umgekehrt steht ein klassisches Elternpaar auch einer nonkonformen Geschlechtsidentität nicht im Wege." Vielmehr spielten für das spätere Verhalten der Kinder biologische Faktoren und Sozialisationsprozesse eine Rolle, die von der sexuellen Orientierung der Eltern unabhängig sind.

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