TV-Duelle im Forscherblick

Frank Brettschneider bei der Analyse des TV-Duells zur letzten Bundestagswahl 2013. (Foto: Universität Hohenheim / Helge Fuss)

Was wird wie und warum gesagt - und mit welcher Wirkung? Kommunikations- und Politik-Wissenschaftler analysieren die TV-Duelle zur Bundestagswahl und blicken auf das bevorstehende Treffen von Angela Merkel und Martin Schulz. Forscher der Universität Halle-Wittenberg berichten in diesem Zusammenhang über die emotionalen Aspekte beim letzten TV-Duell 2013. Beispielsweise wurde demnach auffällig selten gelächelt. Zu den kommunikationswissenschaftlichen Hintergründen des Wahlkampf-Formats und dem aktuellen TV-Duell am 3. September äußert sich der Experte Frank Brettschneider von der Uni Hohenheim. Ihm zufolge sind diesmal kaum Überraschungen zu erwarten.

Am 3. September ist es wieder soweit: Diesmal trifft Angela Merkel im TV-Duell zur Bundestagswahl 2017 auf den Kanzlerkandidaten der SPD Martin Schulz. Mit Ereignissen wie diesem setzen sich Brettschneider und sein Team seit Jahren analytisch auseinander. "TV-Duelle sind eines der wichtigsten Ereignisse in modernen Medienwahlkämpfen. Beim letzten TV-Duell zur Bundestagswahl 2013 gab es insgesamt 17,6 Millionen Zuschauer. TV-Duelle können sich dadurch erheblich auswirken", betont der Kommunikationswissenschaftler.

Live-Messung von Zustimmung oder Ablehnung

Brettschneider und sein Team haben bei den letzten beiden Bundestagswahlen gezielt die Wahrnehmungen und die Wirkungen von TV-Duellen untersucht. Das Kernstück der Untersuchungen bildete eine Live-Messung mit 220 Probanden. Sie drückten während des Betrachtens des TV-Duells mittels Drehreglern ihre Zustimmung oder Ablehnung aus. So konnten die Forscher erfassen, welcher Kandidat von welchen Personengruppen wie bewertet wurde. Abgerundet wurde die Untersuchung durch eine Befragung der Zuschauer direkt vor und nach dem TV-Duell.

Brettschneider zufolge zeichnete sich ab, wie die Wirkung des Duells vom Verlauf und von den Voreinstellungen der Zuschauer abhängt: "Diejenigen Zuschauer, die parteipolitisch weitgehend festgelegt sind, ändern ihre Meinung aufgrund des TV-Duells in der Regel nicht. Im Gegenteil: Sie nehmen das Geschehen durch ihre parteipolitische Brille wahr und werden in ihren Auffassungen sogar noch bestärkt", sagt Brettschneider. Stärker lassen sich hingegen offenbar die unentschiedenen Wähler beeinflusst: "Sie orientieren sich in erster Linie an der wahrgenommenen Problemlösungskompetenz der Kandidaten sowie an deren Führungsstärke und an ihrer Vertrauenswürdigkeit. Bei einem knappen Wahlausgang kann ein TV-Duell durchaus die Wahl entscheiden – wie viele andere Faktoren auch", so Brettschneider.

Welche Aussagen zeigen Effekt?

Welche Debatten-Aussagen besonders effektiv sind, konnten die Forscher ebenfalls erkennen. "Allgemeine, wertbezogene Aussagen sowie emotionale Appelle der Debatten-Teilnehmer lösen bei den Zuschauern über die Parteigrenzen hinweg die größte Zustimmung aus", sagt Brettschneider. Das Gleiche gilt ihm zufolge für fast banal wirkende Aussagen wie "Leistung muss sich lohnen" oder "Bildung darf nicht von der Herkunft abhängen". Was Angriffe auf den politischen Gegner betrifft, können sie sich zwar günstig auswirken, sind aber offenbar durchaus heikel: "Eine Angriffsstrategie kann sich auch gegen den Angreifenden selbst wenden – wenn er überzieht", so Brettschneider.

"Nicht sehr viel Überraschendes" erwartet er sich nun vom bevorstehenden TV-Duell: "Angela Merkel kennen wir ja schon sehr gut. Wir wissen, wie sie sich in TV-Duellen verhält und auf welche Themen sie setzen wird." Ein heftiger Schlagabtausch zeichnet sich auch nicht ab: "Merkel und Schulz können bei ihrem Duell kaum fundamentale Kritik aneinander üben, weil sie beide aus der Großen Koalition kommen", meint Brettschneider.

Forscher untersuchen Emotionen im TV-Duell

Im Gegensatz zu den Untersuchungen in Hohenheim, stand die Mimik und Sprechweise beim TV-Duell im Fokus eines Forscherteams der Universität Halle-Wittenberg. Mit Hilfe von moderner Software zur Gesichtserkennung und Stimmauswertung haben sie diese Aspekte beim letzten TV-Duell zwischen Angela Merkel und Peer Steinbrück von 2013 untersucht und ihre Ergebnisse nun präsentiert.

Auffällig war offenbar, wie wenig gelächelt wurde - neutrale Gesichtsausdrücke dominierten das TV-Duell, berichten die Forscher um die Politikwissenschaftlerin Kerstin Völkl. Merkel bemühte sich allerdings häufig um einen freundlich-fröhlichen Ton. Steinbrück versuchte als Herausforderer hingegen eher Leidenschaft und Angriffslust zu vermitteln. "Beide Kandidaten versuchten seriös zu wirken. Gemäß ihrer Rolle als Amtsinhaberin wollte Merkel für sich und ihr bisheriges Programm werben und setzte dabei auf eine Mimik, die Zustimmung hervorrufen soll", interpretiert Völkl. Deutlich war offenbar auch: Beide Kandidaten vermieden es, überrascht oder ängstlich zu wirken, weil dies ein Zeichen für Schwäche sei, sagen die Wissenschaftler.

Durch Verknüpfungen ihrer Ergebnisse mit denen anderer Studien wurde allerdings deutlich, dass man den Einfluss von Mimik und Sprechweise auf die Einschätzungen der beiden Politiker im Verlauf des TV-Duells nicht überbewerten sollte. Generell gilt aber, dass Politiker Emotionen bewusst einsetzen, um diese im Idealfall auf das Publikum zu übertragen. "Deshalb zeigen Politiker in der Regel positive Emotionen", resümiert Völkl. Vermutlich wird sich dies nun auch wieder im bevorstehenden Duell am 3. September abzeichnen.

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