Von Lichtwundern und falscher Entzauberung

Lichter am Flughafen Berlin Tempelhof (Credit: Bernd Langerschied)
Lichter am Flughafen Berlin Tempelhof (Credit: Bernd Langerschied)

Mit ihren Erklärungen würden Wissenschaftler die Welt entzaubern, so der häufige Tadel. Genau das Gegenteil ist aber der Fall, meint bdw-Autor Ernst Peter Fischer. Die Arbeiten der Forscher verleihen den Phänomenen erst den richtigen Zauber.

In den letzten Wochen war eine Phrase immer wieder im Feuilleton der Zeitungen zu lesen: Die Wissenschaft sorge für die Entzauberung der Welt. Dort heißt es dann, der Tanz der Bienen oder die Wirkungsweise eines Moleküls seien durch die lückenlose Analyse entzaubert. Vor Kurzem gab etwa das Sozialforum Heidelberg einen Vortrag zum Thema "Aberglauben in einer entzauberten Welt". Denn "Berechnung und Technologie" hätten "dem Wirken übernatürlicher Kräfte … die Kraft entzogen". Ja, unsere Welt mag entdämonisiert sein, und niemand wird mehr denken, dass es Zeus war, der Blitze aus dem Himmel schießen ließ. Aber entzaubert ist die Welt deshalb noch lange nicht. Im Gegenteil. Die Wissenschaften verzaubern sie erst mit ihren Erklärungen.

Schon länger hat dies ein Klassiker gewusst: "Man wird nicht sagen dürfen, dass die Physik die Geheimnisse der Natur wegerkläre, sondern dass sie sie auf tieferliegende Geheimnisse zurückführe", so der philosophierende Physiker Carl Friedrich von Weizsäcker in den 1940er Jahren. Allmählich könnte sich der Gedanke also herumsprechen.

Das Wunder vom Licht

Betrachten wir ein Beispiel: Die moderne Physik kann technisch eine Menge mit Licht machen - sie kann es beugen, brechen und bündeln, fokussieren und polarisieren oder als Laserstrahl einsetzen. Bei all dem kann sie stets zutreffend und im Detail vorhersagen, was passiert. Ein Physiker kann also exakt herausfinden, wie Licht in der jeweiligen Situation agiert, was es tut und wie es erscheint. Dann ist Schluss. Wissenschaftler können selbst mit sämtlichen Ergebnissen beim besten Willen nicht sagen, was Licht ist. Wie spätestens seit den Tagen von Albert Einstein bekannt ist, kommt dem Licht eine duale Natur zu. Es kann als Teilchen - als sogenanntes Photon - und auch als Welle in Erscheinung treten. Wenn nun aber etwas wirklich von Menschen Vorgefundenes und in der Welt Vorhandenes sowohl eine Wellenlänge als auch einen bestimmten Ort aufweist, wenn etwas die beiden konträren und sich widersprechenden Eigenschaften von Wellen und Teilchen zu einem Zeitpunkt in sich vereint, dann bleibt selbst Menschen wie Einstein verschlossen, was Licht „eigentlich" ist. Sie wissen einfach nicht, wie etwas Wirkliches als Welle und Teilchen zugleich gegeben sein kann. Das heißt im Klartext: Licht bleibt für uns Menschen geheimnisvoll.

Das ist gut so!

Diese Einsicht ist aber allemal positiv zu verstehen - und mit ihr das Gefühl für das Geheimnisvolle anzusprechen, mit dem Einstein zufolge "wahre Wissenschaft" beginnt. An dieser philosophisch entscheidenden Stelle ist Einstein 1905 exemplarisch gelungen, der Wissenschaft Qualität zu verleihen, nämlich die gegebene, aber geheimnisvolle Natur des Lichts in eine noch geheimnisvollere Erklärung zu verwandeln, die sehr wohl als entzückend empfunden werden kann.

Es gilt, sich endlich von dem Gedanken zu verabschieden, Wissenschaftler würden leichte Lösungen liefern und so ziemlich alles aufklären. Das geben sie auch nicht vor, anders etwa als die emsig grinsenden TV-Moderatoren, die mit dem Blick auf den Teleprompter dem Publikum vormachen, sie wüssten, wie die Welt funktioniert. So wenig wie Einstein wusste, was Licht ist, so wenig wusste zum Beispiel der Entdecker der Doppelhelix als Struktur des Erbmaterials, James D. Watson, was ein Gen ist, wie es im Vorwort seines legendären Lehrbuchs über "Die Molekularbiologie des Gens" zu lesen ist. Viele seiner Kollegen sind längst der Meinung, man solle sich von dem Begriff Gen verabschieden und nur noch über Genome reden. Man darf gespannt sein, was dabei als nächstes Geheimnis der Welt zu Tage tritt. Der Zauber wissenschaftlicher Erklärungen kann nur wachsen.

 

Ernst Peter Fischer

ist Physiker, Biologe und habilitierter Wissenschaftshistoriker. Er hat mehr als 50 Bücher geschrieben - neben Biographien und Firmengeschichten über Themen, die von Atomphysik bis zu Hirnforschung reichen. "Die andere Bildung" hat eine Auflage von mehr als 100.000 erreicht und ist in zahlreiche Sprachen übersetzt worden. 2014 erscheint sein Buch "Die Verzauberung der Welt". Darin beschreibt Fischer, wie und warum naturwissenschaftliche Erklärungen die Geheimnisse der Natur nicht aufheben, sondern erst vertiefen.

Vom Autor erschien zuletzt in bild der wissenschaft 4/14 "Die wilden Sechziger".

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