Interview: E-Mails verraten, wo die Menschen hinziehen

 Weltweit packen immer mehr Menschen ihre Koffer - um in eine andere Stadt oder ins Ausland zu ziehen. Claudia Diercks/pixelio.de
Weltweit packen immer mehr Menschen ihre Koffer - um in eine andere Stadt oder ins Ausland zu ziehen. Claudia Diercks/pixelio.de
Nie war die Mobilität größer als heute. Für Ausbildung und Arbeit ziehen immer mehr Menschen nicht nur innerhalb eines Landes um, sondern lassen sich auch immer häufiger in fremden Ländern nieder. Emilio Zagheni vom Max-Planck-Institut für Demografische Forschung in Rostock hat einen neuen Ansatz gefunden, diese Wanderungsströme zu erfassen: über E-Mails.
wissenschaft.de: Welchen Vorteil bieten E-Mails im Vergleich zu konventionell ermittelten Daten, beispielsweise Behörden, über die Migration der Bevölkerung? Zagheni: Ein Problem ist, dass nicht jedes Land Daten zur Migration erhebt oder zumindest nicht die gleichen Daten. Die USA beispielsweise sind ein klassisches Einwanderland und haben deshalb nie Auswanderungen registriert. In den vergangenen Jahren kommt es aber immer häufiger vor, dass Menschen auch wieder aus den USA wegziehen. Vermutlich hängt das mit der Finanzkrise zusammen. Das ließe sich ja durch Einwanderungsstatistiken anderer Länder feststellen ? Leider nein. Jedes Land definiert Migration anders. Außerdem melden sich viele Menschen erst verzögert oder gar nicht an ihrem neuen Wohnsitz an. Das führte dazu, dass die Migration insgesamt unterschätzt worden ist. Deshalb haben wir nach einer Methode gesucht, mit der wir aktuelle Migrationsbewegungen ermitteln können. Zum Beispiel? Bei Naturkatastrophen wie Erdbeben oder beim nuklearen Unfall von Fukushima. Wir haben die Daten aus Japan noch nicht ausgewertet, aber aus der daraus folgenden Migration könnten Schlüsse auf das Verhalten der Bevölkerung bei künftigen Ereignissen gezogen werden. Welche Daten standen Ihnen zur Verfügung? Wir analysierten eine große Zahl an Yahoo-E-Mails, die zwischen September 2009 und Juni 2011 versendet wurden. Selbstverständlich waren die Daten alle anonymisiert. Wir konnten also weder den Namen des Absender, den Inhalt der Mail oder die IP-Adresse sehen, wohl aber von welchem Ort aus eine E-Mail versendet wurde. Ist die Verwendung eines einzelnen E-Mail-Providers repräsentativ? Natürlich wäre es am besten die Daten mehrerer Provider zu haben, da Yahoo-Nutzer nicht die ganze Bevölkerung repräsentieren. Aber neben Hotmail und Googlemail gehört Yahoo zu den drei größten, die ihren Service weltweit anbieten ? und bietet allen anderen gegenüber einen entscheidenden Vorteil: Bei der Registrierung geben die Nutzer Geburtsjahr und Geschlecht an. Welche neuen Erkenntnisse konnten sie aus den Daten ziehen? Wir haben festgestellt, dass die Mobilität insgesamt außerordentlich stark zugenommen hat ? damit hatten wir nicht gerechnet. Das betrifft nicht nur Entwicklungsländer, sondern eben auch Länder wie die USA, zu denen dazu bislang keinerlei Daten vorlagen. Eine Ausnahme stellen lediglich die Schweiz und Taiwan dar. Vor allem bei Frauen steigt die Mobilität. Die ersten Auswanderungsdaten der USA Nach der Finanzkrise zog die Wanderung aus den USA spürbar an. In den ersten Monaten des Jahres 2011 verschickten etliche Frauen und Männer, die noch in den letzten Monaten 2010 hauptsächlich aus den USA mailten, ihre Nachrichten mehrheitlich aus einem anderen Land. Woran liegt das? Ich glaube, das hängt sehr stark davon ab, über welches Land wir sprechen. Auf den Philippinen zum Beispiel gibt es einen enormen Bedarf an Arbeitskräften in Krankenhäusern. Früher haben nur Männer diese Jobs bekommen, inzwischen suchen die Krankenhäuser auch nach weiblichen Mitarbeitern. In Entwicklungsländern allgemein steigt das Ausbildungsniveau stetig, und damit auch die Zahl der Frauen, die in größere Städte ziehen oder ins Ausland gehen. Was hat Sie am meisten überrascht? Dass viele Auswanderer zunächst in einem Land herumreisen, bevor sie sich an einem Ort niederlassen. So scheinen Mexikaner aus einer bestimmten Region mehrfach in die USA gereist zu sein, vielleicht auch zu Verwandten, die bereits dort lebten, und ließen sich dann erst dort nieder. Welche Rolle spielen solche sozialen Beziehungen beim Auswandern? Vermutlich eine große. Das werden wir noch genauer untersuchen. Beispielsweise, ob jemand, der viele E-Mails in eine bestimmte Region schickt, eher dazu geneigt ist, in diese Region umzusiedeln. In Kombination mit Twitter-Nachrichten könnten wir zudem die Zufriedenheit vor und nach dem Umzug feststellen und wie jemand dem Auswandern generell gegenübersteht. Welche Bedeutung hat diese neue Methode, Daten zu ermitteln, für die Demografie? Sie hat nicht nur eine Bedeutung für die Demografie, sondern für die Wissenschaft allgemein. Die Demografie hat schon immer einen wichtigen Beitrag geleistet, indem sie Ansätze lieferten, wie repräsentative Stichproben und Daten ermittelt werden können. Jetzt stehen wir wieder vor dem gleichen Problem ? nur mit einem anderen Kontext: den enormen Datenmengen des Internets. Es geht in Zukunft also auch darum, adäquate Analysemethoden für diese Daten zu entwickeln.
Emilio Zagheni und Ingmar Weber (Max-Planck-Institut für Demografische Forschung, Rostock; Yahoo! Research, Barcelona): Veröffentlichung der Max-Planck-Gesellschaft © wissenschaft.de ? Marion Martin
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