Niederlage für Stradivari

 Echte Stradivari oder ein neues Modell? Erfahrene Geiger können das am Klang nicht erkennen. Foto: Albrecht E. Arnold/pixelio.de
Echte Stradivari oder ein neues Modell? Erfahrene Geiger können das am Klang nicht erkennen. Foto: Albrecht E. Arnold/pixelio.de
Für viele Geiger geht nichts über eine alte Stradivari oder eine Guarneri. Doch ist es wirklich der einzigartige Klang der Instrumente, der sie so begehrt macht ? oder vielmehr das Wissen um ihren Wert und ihre historische Bedeutung? Wissenschaftler der Université Paris haben jetzt erfahrene Streicher mit verbundenen Augen verschiedene Modelle ausprobieren lassen ? und ein interessantes Ergebnis erhalten.
Seit Jahrzehnten befassen sich Wissenschaftler mit den Geigen der italienischen Meister. Ihr Ziel: die Ursache der überragenden Klangeigenschaften zu finden. Neben der Holzverarbeitung und -aufbereitung standen dabei die Zusammensetzung der Lackierung ebenso im Fokus wie ein möglicher Einfluss von Kaltzeiten auf das verwendete Holz. Ob die Instrumente aber tatsächlich einen schöneren Klang hervorbringen als moderne Modelle, wurde noch nicht genauer untersucht, bemängeln die Forscher.

Legende ohne Belege

Trotzdem gehen viele Musikexperten wie selbstverständlich davon aus, dass ein erfahrener Geigenspieler am Klang problemlos die Qualität einer Geige erkennt und auch heraushören kann, ob es sich um eine Stradivari aus dem 16. Jahrhundert oder ein neues Modell handelt. Das Team um die Musikwissenschaftlerin Claudia Fritz von der Université Paris hat diese These nun erstmals auf den Prüfstand gestellt und erfahrene Geiger in eine solche Untersuchung einbezogen. Dazu baten sie auf der 8th International Violin Competition of Indianapolis (IVCI) 21 erfahrene Geiger, verschiedene Modelle zu testen. Damit die Musiker die Geigen nicht schon an der Optik erkennen konnten und sich nur auf den Klang konzentrierten, wurden ihnen die Augen verbunden. Da es vielen Besitzern nicht geheuer war, ihre kostbaren Instrumente in die Hände "blinder" Spieler zu geben, konnten nur drei alte Instrumente für die Untersuchung gewonnen werden: zwei Stradivaris und eine Guarneri. Zusätzlich durften sich die Geiger an drei neueren Modellen versuchen.

Die Musiker wussten lediglich, dass sie sehr hochwertige Instrumente in die Hände bekamen und dass sich darunter mindestens eine echte Stradivari befand. In einem ersten Versuch bewerteten die Geiger zunächst Tonfarbe, Umsetzbarkeit der Tonvorstellungen, allgemeine Spielbarkeit sowie Ansprache der Saiten, also wie leicht ein Ton zu erzeugen ist. Anhand dieser Kriterien bestimmten sie eine Reihenfolge, welches Instrument ihnen am besten gefiel und welches am wenigsten. In einem zweiten Schritt verglichen sie dann zwei Instrumente miteinander, wobei sie immer ein altes und ein neues Modell ohne ihr Wissen vorgesetzt bekamen.

Sieg für die Moderne

Überraschenderweise schnitt in diesem Vergleich eins der neueren Modelle am besten ab - es wurde acht Mal als bestes Instrument und drei Mal als zweitbestes gewählt. Nur 38 Prozent der Profi-Geiger gefiel der Klang eines der älteren Modelle am besten. Besonders schlecht schnitt die Stradivari aus dem Jahr 1500 ab. Insgesamt bewerteten die Musiker immer die Geige am besten, deren Spielbarkeit und Ansprache ihnen am meisten gefallen hatte. Laut den Forschern spielt also das individuelle Spielempfinden bei der Bewertung eine sehr große Rolle. Entsprechend wurde trotz der Tendenz zu den neueren Modellen jede Geige mindestens ein Mal jeweils als bestes und als schlechtestes Instrument eingestuft.

Um welches Modell es sich bei dem jeweiligen Lieblingsinstrument handelte, konnten die Geiger nicht bestimmen - nur 3 der 21 tippten richtig. "Ich hoffe, dass es eine der alten ist", äußerte sich einer der Musiker. Ein Kommentar, der die Wissenschaftler vermuten lässt, dass das Wissen um das Alter und den damit oft verbundenen hohen Wert so manchen Musiker in der Bewertung einer Geige stark beeinflusst - und das nicht immer zu Recht.
Claudia Fritz (Université Paris) et al.: PNAS, Online-Vorabveröffentlichung, doi: 10.1073/pnas.1114999109

© wissenschaft.de - Marion Martin


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