Droht den Primaten das Aus?

Gorillamutter mit ihrem Jungen - sie gehören zu den stark gefährdeten Primatenarten (Foto: Conservation International/ Russell A. Mittermeier)
DIe Weltkarte zeigt den jeweiligen Anteil gefährdeter Primatenarten (Grafik: Estrada et al. / Sci. Adv. 2017;3:e1600946)

Menschenaffen und andere Primaten sind unsere nächsten Verwandten und entscheidende Akteure in Ökosystemen rund um die Welt. Doch nun schlagen Wissenschaftler Alarm: Nicht nur Gorilla, Schimpanse und Co, sondern auch den meisten anderen Primaten droht inzwischen das Aus. Bei 75 Prozent der Arten sind die Bestände drastisch zurückgegangen, 60 Prozent sind vom Aussterben bedroht. Werde nichts getan, könnten schon in 25 Jahren viele unserer engsten Verwandten verschwunden sein, warnen die Forscher.

Die Ordnung der Primaten ist eine der größten unter den Säugetieren – und eine enorm vielfältige. Zu ihnen gehören Winzlinge wie der nur 30 Gramm schwere Mauslemur Microcebus berthae, aber auch Riesen wie die bis zu 200 Kilogramm schweren Gorillas. Die 504 rezenten Primatenarten leben heute vorwiegend in Afrika, Madagaskar, Asien und im tropischen Südamerika. Ihr Lebensraum ist meist der tropische Regenwald, es gibt aber auch Bewohner der Savanne, der Gebirge und sogar von Wüsten. In allen diesen Ökosystemen spielen die Primanten eine wichtige Rolle: "Primaten sind von zentraler Bedeutung für die tropische Artenvielfalt und für viele Ökosystemfunktionen, -prozesse und -dienste", betonen Alejandro Estrada von der Nationalen Autonomen Universität Mexiko und seine Kollegen. "Außerdem sind sie unsere engsten lebenden Verwandten und liefern uns damit entscheidende Einblicke in die menschliche Evolution, Biologie und das Verhalten. Sie spielen zudem eine wichtige Rolle in den Lebensweisen, Kulturen und Religionen vieler Gesellschaften." Doch all das hindert uns Menschen nicht daran, unsere so wichtigen Verwandten nach und nach immer weiter zu dezimieren.

Wie es um die Primaten weltweit bestellt ist und ob sie noch eine Zukunftschance haben, hat nun eine internationale Forschergruppe um Estrada untersucht. Für ihre Studie werteten sie zum einen die Daten der Roten Listen von der International Union for the Conservation of Nature (IUCN) und von wissenschaftlichen Veröffentlichungen zum, Bestand der verschiedenen Primatenarten aus. Zum anderen analysierten die Forscher die Entwicklung der Landnutzung, der Entwaldung, der Wilderei und weiterer Gefahren in den Regionen, in denen Primaten leben. Herausgekommen ist die bisher umfassendste Bestandsaufnahme zur Lage der Tiergruppe, zu der auch wir und unsere Vorfahren gehören.

Rückgang bei drei Vierteln der Bestände

Das Ergebnis: "Erschreckenderweise sind inzwischen rund 60 Prozent der Primatenarten vom Aussterben bedroht", berichten die Forscher. "Bei rund 75 Prozent der Arten gehen die Bestände stark zurück." Dieser Schwund trifft nicht nur bekannte Ikonen des Artenschutzes wie die Berggorillas, Orang-Utans oder andere Menschenaffen. "Von vielen Lemuren, Affen und Menschenaffen, darunter dem ringschwänzigen Lemur, dem Udzunga Kolobusaffen oder dem in China heimischen Schwarzen Stumpfnasenaffen gibt es nur noch wenige tausend Einzeltiere", berichtet Koautor Paul Garber von der University of Illinois. "Im Fall des Hainan-Gibbons sind sogar nur noch weniger als 30 Tiere übrig." Am meisten bedroht sind die Primaten in Madagaskar, hier kämpfen 87 Prozent der Arten um ihr Überleben, wie die Studie ergab. In Asien sind es 73 Prozent und in Afrika und den südamerikanischen Tropen jeweils 36 Prozent. "Angesichts der großen Zahl der Primatenarten, die zurzeit bedroht sind oder deren Bestände schrumpfen, wird die Welt bald ein großes Massenaussterben erleben, wenn nicht sofort effektiv gehandelt wird", warnen die Forscher. In 25 Jahren könnten bereits viele Primaten für immer von der Erde verschwunden sein.

Die wichtigste Ursache für die Bedrohung der Primaten ist der Verlust der Lebensräume durch die Landwirtschaft, sie gefährdet nach Angaben der Forscher 76 Prozent der Primatenarten weltweit. "Allein zwischen 1990 und 2010 wird die Ausdehnung der Landwirtschaft in den Verbreitungsgebieten der Primaten auf 1,5 Millionen Quadratkilometer geschätzt – das entspricht der dreifachen Fläche Frankreichs", sagen Estrada und seine Kollegen. Die steigende globale Nachfrage nach Palmöl und die damit verbundene Rodung der Wälder und Ausbreitung der Plantagen ist eine der größten Bedrohungen für die Orang-Utans in Asien und viele Menschenaffen Afrikas. Vor allem in Afrika sind viele Primaten aber auch durch direkte Jagd, Wilderei und Fallenstellerei bedroht. "Berichten zufolge werden allein in Nigeria und Kamerun jedes Jahr rund 150.000 Kadaver von 16 Affenarten als Bushmeat verkauft", berichten die Wissenschaftler. "In Borneo werden jährlich zwischen 1950 und 3100 Orang-Utans getötet – das ist eine Zahl, die weit über das hinausgeht, was die Population ausgleichen kann."

Doch noch sei es nicht zu spät, um unsere Verwandten vor dem Aussterben zu retten - obgleich es dafür bereits fünf vor zwölf sei: "Wir haben noch eine letzte Chance, die Bedrohung der Primaten und ihrer Habitate durch uns Menschen zu verringern, Schutzmaßnahmen zu lenken und ein weltweites Bewusstsein für ihr Schicksal zu schaffen", betonen Estrada und seine Kollegen. Eine Chance besteht unter anderem darin, dass zwei Drittel aller Primatenarten in nur vier Ländern vorkommen: in Brasilien, Madagaskar, Indonesien und der Demokratischen Republik Kongo. Wende man hier ihre Lage zum Besseren, sei schon viel gewonnen. Entscheidend für die konkreten Maßnahmen ist es jedoch, die Situation der lokalen Bevölkerung in die Schutzbemühungen mit einzubeziehen. Denn Wilderei, Rodungen und andere Eingriffe in die Natur sind meist eine Folge der Armut und wachsenden Bevölkerung in diesen Regionen. "Diese Probleme anzugehen ist daher ein essenzieller Bestandteil des Primatenschutzes", sagt Garber.

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