Gnus: Massentod mit Zusatznutzen

Kampf ums Überleben am glitschigen Ufer des Mara-Flusses (Foto: Amanda Subalusky)

Jedes Jahr überqueren rund eine Million Gnus auf ihrer jährlichen Wanderung den Mara-Fluss in Kenia. Doch das Erklimmen der steilen rutschigen Ufer gelingt vielen nicht und so enden Tausende von ihnen tot im Flussbett. Jetzt haben Forscher erstmals ermittelt, welche wichtige, wenn auch makabre Rolle dieses jährliche Gnusterben für das Ökosystem des Flusses spielt. Denn die Biomasse der Gnukadaver entspricht immerhin dem von zehn Blauwalen pro Jahr. Die damit in den Fluss gebrachten Nährstoffe bilden eine entscheidende Nahrungsgrundlage für die Flussbewohner und weitere Tiere dieser Region.

Es ist die größte Tierwanderung der Erde: Jedes Jahr ziehen mehr als eine Million Streifengnus (Connochaetes taurinus) durch die Serengeti und die Masai Mara-Region Ostafrikas. Diese Megamigration ist die letzte verbliebene der einst auch anderenorts verbreiteten Wanderungen großer Pflanzenfresser. Im Wechsel der Jahreszeiten zogen sie in gewaltigen Herden den Regenfällen und fruchtbaren Weidegründen hinterher. Doch diese Migration im Megamaßstab forderte immer auch reichlich Opfer. So berichten historische Zeugnisse beispielsweise von Tausenden von Bisons, die alljährlich beim Überqueren von Flüssen in Nordamerika ertranken. Heute hat das Massensterben der Gnus am Mara-Fluss in Kenia eine makabre Berühmtheit erlangt: Unzählige Tierdokumentationen zeigen, wie die Streifengus die teilweise steilen Flussufer hinabrutschen und wie dabei viele von ihnen stürzen und ertrinken. "Auf dem Höhepunkt der Wanderung kreuzen die Gnus den Mara-Fluss mehrere Male und das führt teilweise zu hunderten bis tausenden von Todesopfern unter den Tieren", berichtet Erstautorin Amanda Subalusky von der Yale University in New Haven. "Unsere Studie ist die erste, die diese Massensterben quantifiziert hat und untersucht, wie dies das Leben im Fluss beeinflusst."

Biomasse von zehn Blauwalen pro Jahr

Für ihre Studie führten die Forscher Feldbeobachtungen in der Zeit von 2011 bis 2015 am Mara-Fluss aus und ergänzten ihre Daten mit denen früherer Studien aus der Zeit von 2011 bis 2010. Sie ermittelten zum einen, wie viele Gnus jedes Jahr im Fluss ertranken und wie viel Biomasse und Nährstoffe damit in den Fluss gelangen. Zum anderen beobachteten sie, welche Tiere sich von den Kadavern der Gnus ernährten und wie lange dieser Aasvorrat jeweils zur Verfügung stand.

Die Beobachtungen dokumentierten: In 13 von 15 Beobachtungsjahren kam es am Mara-Fluss zu Massensterben der Streifengnus. Pro Jahr ertranken dabei im Durchschnitt 6.250 Gnus. Interessanterweise kreuzen zwar auch rund 175.000 Zebras zusammen mit den Gnus den Fluss, doch sie scheinen weniger häufig zu stürzen und zu ertrinken: "Wir haben in all unseren Surveys weniger als fünf Zebrakadaver gefunden", berichten die Forscher.

Die Gnukadaver dagegen bringen alljährlich eine enorme Menge an Biomasse in den nur mittelgroßen Mara-Fluss: Rund 1100 Tonnen an Biomasse gelangt durch die toten Gnus jedes Jahr während der Gnuwanderung in das Gewässer. "Um das mal in Beziehung zu setzen: Dies entspricht zehn Blauwalkadavern, die jedes Jahr in den Fluss geworfen werden", erklärt Koautorin Emma Rosi vom Cary Institute for Ecosystem Studies in Millbrook. Meist dauert es rund 28 Tage, bis die Kadaver der toten Gnus gefressen, zersetzt und von der Strömung zerfasert wurden. Die Knochen allerdings bleiben bis zu sieben Jahre im Flussbett liegen, bevor auch sie vollständig zersetzt sind.

Enormer Nährstoffeinstrom

Was aber bedeutet dies für die Bewohner des Flusses und sein Nahrungsnetz? Wie die Analysen enthüllten, liefern die Massensterben der Gnus Fischen, Vögeln, Krokodilen und anderen Flussbewohnern ein wahres Festmahl. Die ersten vor Ort sind dabei oft die aasfressenden Vögel, darunter Marabus (Leptoptilos crumeniferus) und mehrere Geierarten. Sie nehmen rund sechs bis neun Prozent der Nährstoffe aus den Kadavern auf, wie die Forscher ermittelten. Den größten "Bissen" jedoch bekommen die Fische: Auf dem Höhepunkt der Massenertrinkungen machen die Gnukadaver bis zu 50 Prozent ihres Futters aus. Viele Fischer knabbern das Aas direkt an, anderer weiden die Biofilme ab, die auf den Kadaverresten und in deren Umgebung wachsen. "Selbst wenn die Kadaver verschwunden sind, bleiben die Knochen liegen, die fast die Hälfte der Biomasse ausmachen, und ernähren den Fluss noch über Jahre", erklärt Rosi. Insgesamt gelangen durch die Gnusterben pro Jahr 107 Tonnen Kohlenstoff, 25 Tonnen Stickstoff und 13 Tonnen Phosphor in den Mara-Fluss.

"Unsere Daten belegen damit, dass eine terrestrische Tierwanderung einen großen Einfluss auch auf Gewässer-Ökosysteme haben kann", konstatieren die Forscher. "Denn sie beeinflussen den Nährstoffhaushalt und die Nahrungsnetze auf Jahrzehnte hinaus." Dadurch, dass viele dieser einst großen Migrationen inzwischen durch den Menschen unterbunden wurden, könnte sich daher auch das Leben in vielen Flüssen entscheidend gewandelt haben. "Der verbreitete Verlust der großen Tierwanderungen hat die Flussökosysteme und deren Funktion in einem bisher unerkannten Ausmaß verändert", so Subalusky und ihre Kollegen. "Der Mara-Fluss ist einer der letzten verbliebenen Orte der der Erde, an denen man diesen Effekt noch untersuchen kann."

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