Raben zeigen vorausschauende Disziplin

Ein Rabe wirft einen Stein in einen Futterspender. (Bild: Can Kabadayi and Mathias Osvath)

Erneut haben die Raben ihren Ruf als gefiederte Schlauköpfe unter Beweis gestellt: Sie planen nicht nur raffiniert voraus, sondern verzichten sogar auf sofortige Belohnungen, wenn ihnen dadurch zukünftig noch feinere Leckerbissen zugänglich werden. Es handelt sich dabei um komplexe kognitive Leistungen, die bisher nur von Menschen und Menschenaffen bekannt waren. Offenbar hat die Evolution gleich zweimal unabhängig voneinander einen vorausschauend-berechnenden Verstand hervorgebracht, sagen die Forscher.

Lange hieß es: Tiere leben ausschließlich im hier und jetzt - nur wir Menschen denken an die Zukunft, planen und zeigen berechnende Verhaltensweisen. Doch Studien der vergangenen Jahrzehnte haben gezeigt, dass diese Intelligenzleistungen nicht wirklich exklusiv menschlich sind: Auch unsere nächsten Verwandten im Tierreich – die Menschenaffen – sind in einem gewissen Rahmen zu solchen Verhaltensweisen fähig. Weiteren Studien offenbarten zudem: Es gehören auch noch andere Vertreter zum Club der Zukunftsplaner - die "Intelligenzbestien" unter den Vögeln. Versuche dokumentierten, dass einige Rabenvögel ebenfalls vorausschauend handeln können.

Die Zukunft im Sinn

Belegt war diese Fähigkeit  bisher allerdings nur im Zusammenhang mit Nahrung - was zum natürlichen Verhalten der Rabenvögel passt. Unklar blieb jedoch, ob sich die Planungsfähigkeiten von Kolkrabe, Elster und Co auch auf "unnatürliche" Gegenstände wie Werkzeuge erstrecken. Mit anderen Worten: Es schien fraglich, ob die schlauen Vögel ein generelles Verständnis von zukünftigem Nutzen besitzen.

Dieser Frage sind die Forscher um Can Kabadayi und Mathias Osvath von der Lund-Universität nun durch Experimente mit Kolkraben nachgegangen. Sie brachten ihren gefiederten Probanden zunächst bei, spezielle Steine in einen Mechanismus zu werfen, um an ein Stück Futter zu gelangen. Wurden sie anschließend mit einer Auswahl von Gegenständen konfrontiert, nahmen sich die Tiere bevorzugt einen geeigneten Stein, auch wenn sie ihn nicht gleich benutzen konnten, sondern erst später.

Berechnender Verzicht

Nach diesen Erfolgen hoben die Forscher die Latte an. Sie brachten den Vögeln dazu zunächst ein Konzept des Tauschhandel bei: Mit einem Flaschendeckel konnten sich die Raben ein Futterstück "kaufen". Anschließend präsentierten die Forscher den Vögeln erneut eine Auswahl an Gegenständen, von denen sie sich nur eines nehmen durften. Wie zu erwarten war, schnappten sich die cleveren Schwarzröcke nun den kostbaren Flaschendeckel aus dem Sortiment. Der Clou dabei war allerdings: Unter den angebotenen Gegenständen war auch ein verlockendes Futterstück. Doch in diesem Fall zeigten die Tiere berechnende Disziplin: Sie verschmähten den Leckerbissen zu Gunsten des Flaschendeckels. Der Grund: Sie wussten, dass das sofort verfügbare Futterstück kleiner war als derjenige Brocken, den sie beim späteren Tauschhandel im Gegenzug für den Flaschendeckel erhalten würden.

Den Forschern zufolge belegen die Experimente: Die Fähigkeiten der Raben zum vorausschauenden Denken und zum berechnenden Handeln können sich mit denen von Menschenaffen messen beziehungsweise überragen sie sogar beim Aspekt des Tauschhandels. Den Forschern zufolge ist dabei besonders bemerkenswert, dass sich diese Intelligenzleistungen offensichtlich unabhängig voneinander in den Entwicklungslinien der Vögel und Säugetiere entwickelt haben. Auf einen gemeinsamen Ursprung gehen sie wohl kaum zurück: Der letzte gemeinsame Vorfahre von Menschenaffen und Rabenvögeln lebte vor über 300 Millionen Jahren, betonen die Wissenschaftler.

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