Aussterben: Auf die Größe kommt es an!

Das Aussterberisiko ist für sehr große und sehr kleine Wirbeltiere am größten (Grafik: Oliver Day/ Oregon State University)

Weltweit drohen immer mehr Tier- und Pflanzenarten für immer zu verschwinden. Jetzt zeigt sich, dass das Ausmaß der Gefährdung auch von der Größe des Tieres abhängt: Zumindest bei den Wirbeltieren sind die größten und die kleinsten Arten am stärksten vom Aussterben bedroht. Während die Großen vor allem unter der direkten Bejagung durch den Menschen leiden, sind die Winzlinge eher durch den Verlust ihres Lebensraums gefährdet.

"Der rapide Verlust der Biodiversität spricht dafür, dass ein sechstes Massenaussterben im Gange ist", sagen William Ripple von der Oregon State University in Corvallis und seine Kollegen. Dies zeigt sich nur allzu deutlich an der großen Zahl der bedrohten Spezies: In der ganzen Welt brechen Populationen zusammen und Verbreitungsgebiete schrumpfen. "Die Aussterberaten liegen heute 100 bis 1000-fach über der normalen Hintergrundrate", so Ripple. Von den fast 88.000 Spezies in der aktuellen Roten Liste der International Union for Conservation of Nature (IUCN) erfassten Arten werden mehr als 25.000 als gefährdet eingestuft. Viele weitere akut bedrohte Arten könnten sogar aussterben, bevor sie überhaupt von Biologen entdeckt und beschrieben werden konnten. Um diese Arten zu schützen, ist es jedoch wichtig, die Muster und Ursachen zu kennen, die diesem Massenaussterben zugrunde liegen. Welche Rolle dafür beispielsweise die Größe einer Tierart spielt, dazu gab es bisher stark widersprüchliche Annahmen.

U-Kurve der Bedrohung

Deshalb haben Ripple und seine Kollegen in der bisher umfangreichsten Studie dazu untersucht, welche Rolle das Körpergewicht - und damit indirekt auch die Körpergröße - der Wirbeltiere für ihr jeweiliges Aussterberisiko spielt. Dafür verglichen sie die Körpermasse von 27.647 Vertebraten-Arten, darunter Säugetieren, Vögeln, Reptilien, Amphibien und Knochen- sowie Knorpelfischen mit deren Status in der Roten Liste der bedrohten Arten. "Wir haben ermittelt, ob die Wahrscheinlichkeit, bedroht zu sein, positiv mit dem Körpergewicht verknüpft ist – und das sowohl innerhalb jeder Tierklasse als auch insgesamt für alle Wirbeltiere", erklären die Wissenschaftler.

Und tatsächlich: Die Forscher stießen auf einen klaren Zusammenhang. Betrachtet man alle Wirbeltiere zusammen, dann ergibt sich eine U-förmige Verteilung für das Aussterberisiko der verschiedenen Gewichtsklassen. Vertebraten von etwa 35 Gramm Gewicht haben das niedrigste Risiko, darunter und darüber aber steigt die Gefährdung rapide an. Vor allem die großen Vertreter der Säugetiere, Vögel, Fische und Reptilien sind erheblich häufiger und stärker bedroht als die kleineren. "Eine Zunahme der Körpermasse um eine Größenordnung ist verknüpft mit einer Zunahme des Aussterberisikos bei Knochenfischen um 294 Prozent, bei großen Reptilien und Amphibien um 184 Prozent, bei Vögeln um 107 Prozent und bei Knorpelfischen um 92 Prozent", berichten Rippel und seine Kollegen. Bei Säugetieren stieg das Aussterberisiko immerhin noch um 67 Prozent für jede Verzehnfachung des Gewichts. Unter den Winzlingen kehrte sich dieses Verhältnis um: Jede Reduktion des Körpergewichts um eine Größenordnung erhöhte das Aussterberisiko der kleinen Wirbeltiere um 177 Prozent. 

Die Großen werden getötet, die Kleinen heimatlos gemacht

Verursacht wird diese U-Kurve der Bedrohung durch den Menschen – dabei übt er an beiden Enden der Kurve jeweils auf andere Weise Druck aus: "Viele der größeren Arten werden direkt von Menschen getötet und konsumiert: Rund 90 Prozent der bedrohten Arten von mehr als einem Kilogramm Körpergewicht sind durch dieses 'Ernten' bedroht", berichtet Ripple. "Dabei kann dies ganz verschiedene Formen annehmen, vom Fischen, Jagen und Fallenstellen für die Fleischgewinnung über die Nutzung von Körperteilen für die Medizin bis hin zum Töten durch versehentlichen Beifang."

Anders dagegen die Bedrohung bei den Winzlingen unter den Wirbeltieren: Sie sind meist deshalb gefährdet, weil der Mensch ihren ohnehin meist eher kleinen Lebensraum zerstört, beispielsweise indem er den Wald rodet, Felder und Monokulturen anlegt oder Straßen und Siedlungen baut. Besonders viele dieser bedrohten Winzlinge gehören zu den Amphibien und leben in Feuchtgebieten und Binnengewässern, wie die Forscher berichten.

Damit dezimiert der Mensch – auf jeweils unterschiedliche Weise – die Artenvielfalt von beiden Enden her. Diese Erkenntnis ist vor allem für den Artenschutz und mögliche Gegenmaßnahmen entscheidend, wie die Forscher betonen: "Wir benötigen jeweils andere Ansätze für den Erhalt der ganz großen und der ganz kleinen Arten", so Ripple und seine Kollegen. "Bei den großen Arten müssen wir das direkte Töten eindämmen, bei den kleinen dagegen vor allem die Habitate im Süßwasser und auf dem Land schützen." Gleichzeitig könnte das Wissen um den Zusammenhang von Körpergröße und Gefährdung auch dabei helfen, künftig die Gefährdung von noch kaum untersuchten Tierarten besser einzuschätzen. Denn schon anhand ihrer Körpergröße könnte man ablesen, wie wahrscheinlich eine Gefährdung ist und auch, was diese Art vermutlich bedroht, wie die Forscher erklären.

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