Neue Räuber-Kategorie: Kleptoprädatoren

So skurril wie ihr Aussehen ist auch ihre Ernährungsweise: Die Meeresschnecke Cratena peregrina ist eine Kleptoprädatorin. (Foto: Gabriella Luongo)

Die Biologie ist nun um einen Begriff reicher: Kleptoprädation. Dieses bisher unbekannte Konzept der Nahrungsbeschaffung haben Forscher bei einer Meeresschnecke entdeckt. Die räuberischen Weichtiere erbeuten demnach gezielt Opfer, die gerade selbst gefressen haben. Dadurch überspringen die Kleptoprädatoren gleichsam einen Schritt in der Nahrungskette. Die Frage ist nun, wie weit diese Strategie im Tierreich verbreitet sein könnte.

Nahrungsbeschaffung so effektiv und ökonomisch wie möglich: Dieses Prinzip bildete die evolutionäre Triebfeder hinter der Entwicklung der vielen verschiedenen Konzepte der Nahrungsbeschaffung im Tierreich. Wie in der Wissenschaft üblich, werden diese Strategien Kategorien zugeordnet, die spezielle Fachbegriffe tragen. Bereits bekannt war in diesem Zusammenhang der Begriff Kleptoparasitismus. Wie bei der berühmten Kleptomanie steckt in diesem Begriff das griechische Wort für stehlen. "Von Kleptoparasitismus spricht man, wenn Tiere gezielt das Jagdglück anderer Räuber ausnutzen, indem sie deren Beute klauen: Ein Beispiel wäre ein Rudel Hyänen, das einem Löwen die Beute wegnimmt", sagt Trevor Willis von der University of Portsmouth.

Das Konzept der Meeresschnecke Cratena peregrina verdient Willis und seinen Kollegen zufolge nun allerdings einen eigenen Kategorie-Begriff. Die kleinen Meeresschnecken kommen an den Küsten des Mittelmeers vor und ernähren sich dort von den Polypen der sogenannten Hydrozoen. Es handelt sich dabei um Superorganismen, die ähnlich wie Korallen aus Ansammlungen von vielen einzelnen Polypen bestehen. Mit ihren Tentakeln fangen diese Nesseltiere winzige Krustentiere und Plankton-Lebewesen aus dem Wasser, die sie sich dann ins Maul befördern.

Diebische Beutegreifer

Im Rahmen ihrer Studie haben die Forscher nun genau unter die Lupe genommen, wie sich die Meeresschnecken von den Polypen der Hydrozoen ernähren. Dabei fiel ihnen schließlich auf: Die Schnecken bevorzugen Polypen, die gerade eben erst selbst geschmaust haben. Dieser Spur gingen sie anschließend systematisch nach: Mittels Isotopenanalysen der Zusammensetzung des Körpergewebes der Schnecken untersuchten sie, was letztlich deren Hauptnahrungsquelle darstellt. Die Vergleiche mit den Isotopen-Mustern der Polypen sowie des Planktons zeigten: Die Nesseltiere bilden gar nicht die Hauptnahrungsquelle der Schnecken, sondern das, was sie bei Jagderfolg im "Bauch" haben: das Zooplankton.

Wie die Schnecken die vollgefressenen Polypen von gehaltlosen unterscheiden, ist bislang zwar nicht klar, aber offenbar haben die Weichtiere dafür ein ausgesprochen feines "Näschen", berichten die Wissenschaftler. "Wir haben es hier mit Meeresschnecken zu tun, die ein anderes Lebewesen als Angelrute benutzen, um Zugang zu Plankton zu erhalten, das sie sonst nicht erwischen könnten", sagt Willis. Dazu fressen sie die lebendigen "Angelruten" dann gleich mit auf. Der Begriff, der zu diesem Konzept passt, ist deshalb Kleptoprädation – eine Kombination aus Diebstahl und dem Verzehr des Opfers, so die Wissenschaftler.

Nachhaltige Strategie

Wie sie berichten, hat die Geschichte noch einen weiteren interessanten Aspekt zu bieten: Vermutlich schützen die Schnecken durch die gezielte Beutewahl die Kolonien der Hydrozoen vor einer Überstrapazierung. Es liegt nahe, dass sie durch die Bevorzugung der gehaltvollen Beute letztlich weniger Polypen vernichten und damit ihre eigene Lebensgrundlage erhalten.

Die Ergebnisse werfen nun natürlich eine Frage auf: Gibt es neben der Schnecke Cratena peregrina noch andere Vertreter der Kleptoprädatoren? Die Suche nach weiteren Beispielen ist nun angesagt, so die Forscher. Letztlich hoffen sie, dass Einblicke in die oft komplexen Systeme der Natur zu einem besseren Verständnis und Schutz von Ökosystemen führen können.

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