Ekel-Lernprogramm im Meisen-TV

Eine Kohlmeise sieht auf einem Bildschirm ein Video, das einen Artgenossen bei einer unangenehmen Erfahrung zeigt. (Foto: Liisa Hämäläinen)

Versuche mit fernsehenden Meisen belegen: Die Vögel können durch Beobachtung der Ekel-Reaktionen anderer lernen, welche Zeichnung von Beutetieren bedeutet, dass sie scheußlich schmecken. Dieser Lerneffekt unter den Vögeln könnte die Entwicklung von besonders auffälligen Warnzeichnungen und Farben bei ungenießbaren Beutetieren begünstigt haben, sagen die Forscher.

Unauffällig aussehen oder mit dem Hintergrund verschwimmen – viele Tiere tarnen sich, um den hungrigen Blicken von Räubern zu entgehen. Doch es gibt auch die genau entgegengesetzte Taktik: Manche Tiere signalisieren durch besonders auffällige Farben oder Zeichnungen, dass sie giftig sind oder widerlich schmecken. Ein berühmtes Beispiel ist der Marienkäfer mit seinem knallroten Kleid mit schwarzen Tupfern. Erfahrene Vögel meiden ihn bekanntermaßen als Beute, da er bei Bedrohung ein unangenehmes Sekret absondert.

Was die Entwicklung dieses Konzepts betrifft, standen Biologen allerdings bisher vor einem Rätsel: Um einem Räuber die Bedeutung des Warnsignals beizubringen, scheint zumindest ein Exemplar von Käfer und Co als Lehrobjekt sterben zu müssen. Aus evolutionsbiologischer Sicht wirkte die Entwicklung von schrillen Warnzeichnungen deshalb eigentlich unlogisch. Doch wie sich nun zeigt, ist gar nicht immer ein Opfer nötig, damit ein Räuber lernt, auffällige Tiere zu meiden. Die Beobachtung des Schadens anderer macht offenbar auch schon klug.

Schulfernsehen für Meisen

Für ihre Studie haben die Forscher um Rose Thorogood von der Universität Cambridge Kohlmeisen (Parus major) zunächst an kleine weiße Tüten als "Beute" gewöhnt: Sie enthielten leckere Mandelstückchen. Für die späteren Experimente filmten die Biologen dann eine der Meisen, wie sie ein solches Tütchen aufsammelte und öffnete. Dieses Tütchen besaß eine visuelle Besonderheit: Es war durch ein auffälliges Quadrat gekennzeichnet. Auch der Inhalt war speziell: Es enthielt Mandelstückchen, die in eine bittere Substanz getaucht worden waren. Angewidert warf der Vogel das Tütchen deshalb weg und putzte sich intensiv den Schnabel.

Das Video dieser Szene präsentierten die Forscher dann einigen Kohlmeisen auf einem Bildschirm. Anschließend wurden diese Vögel in eine große Voliere entlassen - gemeinsam mit Kontrolltieren, die zuvor kein Meisen-TV gesehen hatten. In der Voliere gab es die gewohnten weißen Tütchen mit dem Futter im Angebot. Allerdings: Einige waren mit einem Kreuz gekennzeichnet, die anderen hingegen durch ein Quadrat – so wie das Exemplar aus dem Video.

Die Beobachtungen der "Beutewahl" der Meisen zeigten nun: Im Gegensatz zu den Vögeln der Kontrollgruppe mieden die Meisen aus der TV-Gruppe die Tütchen mit den Quadraten deutlich. Sie hatten die Botschaft aus dem Video offenbar verstanden und umgesetzt. "So wie wir lernen könnten, bestimmte Nahrungsmittel zu meiden, weil sich jemand anderes offensichtlich vor ihnen ekelt, lassen sich auch Kohlmeisen durch entsprechende Beobachtungen von Artgenossen bei ihrer Beutewahl beeinflussen", interpretiert Thorogood das Ergebnis.


Schrille Käfer und Co durch soziales Lernen bei Räubern

Anschließend führten die Forscher Modellberechnungen zur sozialen Verbreitung solcher Abschreck-Informationen innerhalb einer Vogelgemeinschaft durch, sowie zu dem daraus resultierenden Effekt auf die Entwicklung von speziell aussehenden Beutetiere. "Wir konnten dadurch zeigen, dass die Vermeidung von auffällig aussehenden Arten durch Räuber ausreicht, um ihnen einen Überlebensvorteil zu bieten und sich dadurch zu verbreiten und weiterzuentwickeln", sagt Thorogood.

Das Verhalten der Kohlmeisen ist den Forschern zufolge sicherlich kein Einzelfall. "Wir vermuten, dass unsere Ergebnisse für eine Vielzahl von Räuber-Beute-Verhältnissen in der Natur gelten. Die Weitergabe von Informationen durch Beobachtung könnte somit evolutionäre Konsequenzen in allen ökologischen Gemeinschaften haben", resümiert Thorogood.

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