Sieben Monate nonstop in der Luft

Der Alpensegler frisst und schläft im Flug (D. Occiato)

Fliegen ist eine der energieaufwändigsten Fortbewegungsarten überhaupt. Trotzdem zeigen gerade Zugvögel darin eine erstaunliche Ausdauer. Hunderte und oft sogar Tausende von Kilometern legen sie alljährlich auf ihrem Weg in ihre Winterquartiere zurück. Die meisten von ihnen legen unterwegs regelmäßig Pausen ein. Es gibt aber eine erstaunliche Ausnahme: Alpensegler (Tachymarptis melba) legen nicht nur die gesamte Strecke aus der Alpenregion nach Westafrika ohne Rast zurück. Sie bleiben selbst im Winterquartier nahezu pausenlos in der Luft - insgesamt sechs Monate. Auch Fressen und Schlafen erledigen diese Vögel offenbar im Flug, wie Schweizer Forscher mittels Miniatur-Sensoren herausfanden.

Alpensegler (Tachymarptis melba) sind die größeren Verwandten unserer Mauersegler. Ähnlich wie diese ernähren sie sich von Insekten, die im Fluge aufschnappen. Und auch sie ziehen alljährlich im Herbst gen Süden in ihr Winterquartier im tropischen Westafrika. Ihre langen Flügel und aerodynamisch optimale Form macht diese Vögel dabei zu besonders guten Seglern: Sie können weite Strecken durch die Luft gleiten, ohne mit den Flügeln schlagen zu müssen. Auf ihrem Zug nach Süden wechseln sich Zeiten des Flügelschlags mit solchen energiesparenden Gleitphasen ab. Aber trotz aller Effektivität: Bisher galt es als unabdingbar, dass Zugvögel zumindest ab und zu rasten - allein schon um ihr Schlafdefizit auszugleichen. "Denn Fliegen galt bisher als ein Verhalten, das nicht mit Schlaf oder Ausruhen vereinbar ist, weil der Flug eine ständige aktive Kontrolle erfordert", erklären Felix Liechti vom Schweizer Ornithologischen Institut in Sempach und seine Kollegen.

Allerdings: Seit Jahrzehnten hält sich hartnäckig das Gerücht, dass einige Seglerarten fast ihr gesamtes Leben lang in der Luft bleiben können. Nur zum Brüten sollen die Vögel auf den Boden herunterkommen. Eindeutige Belege dafür gab es allerdings nicht. Liechti und seine Kollegen gingen der Sache nun mit Hilfe modernster Technik auf den Grund: Sie rüsteten sechs in der Schweiz heimische Alpensegler mit miniaturisierten Licht- und Beschleunigungssensoren sowie einem GPS-Modul aus. Diese zeichneten die Aktivität der Tiere über die gesamte Zeit ihres Zuges nach Süden und auch im Winterquartier auf. Nachdem die Vögel im darauffolgenden Jahr wieder in ihr Brutgebiet in der Schweiz zurückgekehrt waren, fingen die Forscher die Tiere ein und nahmen ihnen die Sensoren ab und werteten die darin gespeicherten Daten aus.

200 Tage in der Luft - ohne Pause

"Zu unserer großen Überraschung änderte sich das Flugverhalten der Alpensegler auf dem Zug und im Winterquartier gegenüber dem Verhalten im Brutgebiet drastisch", berichten die Biologen. Tagsüber wechselten die Vögel zwischen Gleitflug und aktivem Flügelschlagen, nachts sank ihre Aktivität ab und sie gingen in längere Gleitphasen über. Was aber fehlte war jeder Hinweis auf eine längere Pause oder Rast am Boden. Die Segler müssen demnach den gesamten 2.000 Kilometer langen Flug nach Westafrika Nonstop zurückgelegt haben, so die Schlussfolgerung der Forscher.

Aber noch viel erstaunlicher: Selbst nach ihrer Ankunft im Winterquartier dachten drei der sechs Alpensegler offenbar nicht daran, sich am Boden zu erholen und den versäumten Schlaf nachzuholen. Ganz im Gegenteil: Die Vögel blieben auch während der gesamten Zeit in Afrika in der Luft, wie die Daten verrieten. Insgesamt verbrachten die Alpensegler rund 200 Tage und damit deutlich mehr als ein halbes Jahr pausenlos in der Luft. Zwar können die Biologen nicht ausschließen, dass die Vögel nicht vielleicht doch ein paar Minuten am Boden verbrachten. "Dennoch ist klar, dass sie über mehrere Monate hinweg alle lebensnotwendigen physiologischen Funktionen im Flug erledigt haben müssen", konstatieren sie.

Das aber bedeutet, dass die Alpensegler nicht nur im Flug fressen, was schon bekannt war, sondern dass diese Vögel sogar während des Fliegens schlafen können. In den Bewegungsdaten finden sich tatsächlich Perioden, in denen sie langanhaltend segeln - das könnte auf Phasen des Schlafs hindeuten, mutmaßen Liechti und seine Kollegen. Offenbar haben die Alpensegler eine Schlafmethode gefunden, die ihnen trotz der Ruhe eine rudimentäre Kontrolle ihrer Fluglage ermöglicht. Möglicherweise funktioniere dies ja ähnlich wie bei Delfinen, die jeweils nur mit einer Hirnhälfte schlafen, spekulieren die Biologen. In jedem Falle scheinen diese Nickerchen erholsam genug zu sein, dass die Vögel selbst nach überstandener Reise keinen Schlaf am Boden nachholen müssen.

Noch ist nicht geklärt, wie die Alpensegler diese unglaubliche Ausdauerleistung vollbringen. Klar ist aber jetzt schon: Sie sind damit absolute Rekordhalter. "Ein solches dauerhaft in Bewegung bleiben war bisher nur von Meerestieren bekannt", konstatieren die Forscher. Für einen Vogel sei das ein absolutes Novum.

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