Warum van Goghs Blumen verblühen

 Vincent van Gogh (1853-1890):
Vincent van Gogh (1853-1890): "Blumen in blauer Vase" (Bild: Kröller-Müller-Museum)
Die einstmals gelben Blumen auf Vincent van Goghs Bild ?Blumen in blauer Vase? sind mittlerweile nicht mehr strahlend gelb, sondern von einer matten orange-grauen Farbe. Grund dafür ist ein ursprünglich zum Schutz des Gemäldes aufgetragener Firnis, dessen Bestandteile mit Cadmiumgelb reagierten. Den bis dahin unbekannten Zersetzungsprozess hat jetzt eine internationale Forschergruppe mithilfe von Röntgenstrahlen entdeckt. Wie der Schutzanstrich gelöst werden kann, ohne dabei Farbe zu entfernen, und ob das für den Rest des Bildes sinnvoll wäre, ist noch unklar.
Nach dem Tod des Künstlers kam das 1887 in Paris gemalte Bild Anfang des 20. Jahrhunderts in das Kröller-Müller-Museum in die Niederlande. Zum Schutz des Werkes trug man einen Firnis, einen klaren Schutzanstrich, auf. Dieser scheint dem Bild jedoch nicht gut bekommen zu sein: Bei einer Konservierungsbehandlung 2009 bemerkte man eine ungewöhnliche, graue Kruste auf den Bereichen, die mit Cadmiumgelb gemalt worden waren. Der Künstler verwendete diese damals noch sehr neue Farbe für seine Blumen.

Erst später zeigte sich, dass Cadmiumgelb an der Luft seine Farbe verliert und deshalb nicht mehr so stark leuchtet. Der Grund dafür ist die Oxidation der Pigmente: Cadmiumgelb ist chemisch gesehen Cadmiumsulfid und reagiert mit dem Luftsauerstoff zu Cadmiumsulfat. Koen Janssens von der Universität Antwerpen berichtet: ?Wir haben diesen Prozess vor ein paar Jahren aufgeklärt, und die Beobachtung, dass die Pigmente hier mit einer dunklen, rissigen Kruste überzogen sind statt mit der leicht weißen, transparenten Oxidationsschicht, hat uns sehr neugierig gemacht.? Diese Kruste lässt sich jedoch nicht einfach entfernen, da sonst das Gemälde selbst beschädigt werden könnte. Deshalb entnahmen die Forscher zwei mikroskopisch kleine Farbproben vom Originalgemälde und untersuchten diese an mehreren Messstationen. Mittels Röntgenstrahlen konnten sie so die chemische Zusammensetzung und die innere Struktur aufdecken.

Das erwartete Cadmiumsulfat war jedoch nicht aufzufinden. ?Es zeigte sich aber, dass die Sulfat-Ionen aus dem Cadmiumsulfat mit Blei aus dem Firnis sogenanntes Bleivitriol gebildet hatten?, erläutert Gerald Falkenberg vom Deutschen Elektronen-Synchrotron (DESY) in Hamburg. Bleivitriol ist eine lichtundurchlässige Verbindung, die an vielen Stellen im Firnis vorhanden war. Die Quelle ist laut Falkenberg vermutlich ein bleihaltiges Trocknungsmittel, welches unter den Firnis gemischt wurde. Die opake, orange-graue Kruste auf den gelben Blumen setzt sich demnach aus dem Bleivitriol und den Abbauprodukten aus dem Firnis zusammen.

?Die Arbeit liefert Informationen darüber, wie nachträglich aufgetragene Firnis-Schichten zu einem Verfall bestimmter Pigmente eines Gemäldes beitragen können. Künftig lässt sich dieser Zerfallsprozess hoffentlich stoppen oder sogar mit neuen Konservierungstechniken verhindern?, sagt Joris Dik von der Technischen Universität Delft. ?Einmal mehr stellen wir fest, dass Gemälde von Vincent van Gogh nicht unveränderlich über die Jahrzehnte sind. Über einen Zeitraum von 100 Jahren sind sie ein ziemlich reaktiver Cocktail von Chemikalien, der sich überraschend verhält?, schließt Janssens.
Geert Van der Snickt (Universität Antwerpen) et al.: Analytical Chemistry; doi: 10.1021/ac3015627

© wissenschaft.de - Gesa Seidel


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