Wozu Embryonen manipulieren?

Die Biochemikerin und Genetikerin Emmanuelle Charpentier ist seit 2015 Direktorin am Max-Planck-Institut für Infektionsbiologie in Berlin. (Foto: Hallbauer & Fioretti)

Mit dem neuen Werkzeug CRISPR wird es deutlich einfacher, das Erbgut von Zellen zu verändern – auch von menschlichen. Man spricht vom "Genome Editing", dem Redigieren des genetischen Codes. Noch sind klinische Therapien weit weg, weil die Methoden nicht zuverlässig genug funktionieren, aber viele Fachleute erwarten rasche technische Verbesserungen. Die französische Mikrobiologin Emmanuelle Charpentier (47), die eine Abteilung am Max-Planck-Institut für Infektionsbiologie in Berlin aufbaut, hat CRISPR mitentwickelt und erläutert im wissenschaft.de-Interview, welche ethischen Beschränkungen und welche medizinischen Anwendungen sie für sinnvoll hält. Von 2013 bis 2015 leitete sie eine Abteilung am Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung in Braunschweig.

wissenschaft.de: Frau Charpentier, was hat Ihnen die Max-Planck-Gesellschaft angeboten, um Sie in Deutschland zu halten?

Charpentier: Ich lebe schon seit drei Jahren in Deutschland und hatte nicht die Absicht, gleich wieder zu gehen. Das hätte ich zwar machen können, aber die Max-Planck-Gesellschaft hat mir ermöglicht, meine Projekte mit meinem Team in Deutschland fortzusetzen. Sie bietet mir auch die Freiheit, die Themen selbst zu wählen, während man in der Helmholtz-Gemeinschaft stärker programmorientiert forscht. Und nicht zuletzt ist die Förderung großzügig und erlaubt mir, in Berlin ein Institut – mit Kollegen zusammen – neu auszurichten.

Was macht Deutschland als Standort für Ihre Arbeit attraktiv?

Deutschland hat eine starke Tradition in der Mikrobiologie und Genetik – und das merkt man auch, wenn man hier arbeitet. Man findet hier gut ausgebildete Studenten und Doktoranden. Unter den Wissenschaftlern gibt es zudem einen Wettbewerb auf einem guten Niveau. Und nicht zuletzt wird die Grundlagenforschung im internationalen Vergleich ordentlich gefördert – etwa durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft.

Sind Sie mit den gesetzlichen Regelungen in Ihrem Forschungsgebiet einverstanden?

Ich arbeite vor allem mit Bakterien und mein Labor unterliegt den Sicherheitsbestimmungen der Schutzstufe BSL-2. Das ist völlig in Ordnung und das bin ich auch gewohnt. Als ich nach Berlin umzog, musste ich jedoch alle Zulassungen neu beantragen, weil nun ein anderes Bundesland zuständig war. Das könnte man vielleicht vereinfachen. Aber Sie wollen auf die ethischen Fragen hinaus, die sich aus CRISPR ergeben. Diese Methode ist zum Beispiel nützlich, um die Biologie von Pflanzen und die Biologie von Stammzellen zu untersuchen – und in diesen Bereichen gibt es in Deutschland strengere Regelungen als in anderen Ländern.

Sie haben diese Regelungen schon einmal als Wettbewerbsnachteil bezeichnet.

Ja, sie könnten zu einem Wettbewerbsnachteil führen, wenn zum Beispiel die USA in der Forschung voranschreiten und Deutschland zurückbleibt. Zu Forschungszwecken sollte man gewisse genetische Manipulationen zulassen.

Was würden Sie ändern wollen?

Wenn über CRISPR gesprochen wird, geht es oft um Eingriffe in die Keimbahn, bei denen das Erbgut eines Menschen vor der Geburt verändert wird. Das sollte man natürlich streng regulieren, denn die Technologie ist noch lange nicht etabliert und entsprechend gefährlich. Ich wüsste im Moment nicht, mit welcher Begründung man die Zellen von menschlichen Embryonen manipulieren sollte. Aber somatische Zellen – also die Zellen, aus denen sich kein Mensch entwickeln kann – sollte man genetisch manipulieren dürfen, um die Funktion und Regulation besser verstehen und auch Therapien entwickeln zu können. Hier bietet sich CRISPR an, da man damit das Erbgut einfacher verändern kann als bisher – und auch ganz unterschiedliche Eingriffe möglich sind. Für eine Methode, die sich so unterschiedlich einsetzen lässt wie CRISPR, braucht man differenzierte Regeln. Die europäische Oviedo-Konvention widmet dem Thema zum Beispiel nur wenige, allgemein gehaltene Sätze. Diese Regeln sollte man jetzt präzisieren.

Würden Sie Eingriffe in die Keimbahn erlauben, wenn in Zukunft einmal alle Sicherheitsbedenken ausgeräumt sein sollten?

Auch dann hätte ich Schwierigkeiten damit. Man müsste fragen: wozu? Aus meiner Sicht darf man das menschliche Erbgut nur verändern, um eine Krankheit zu heilen. Das heißt nicht, dass man das Erbgut der Keimbahn verändern muss.

Es gibt auch Ethiker, die grundsätzlich gegen Eingriffe in die Keimbahn argumentieren, weil niemand das Recht habe, den Genpool der Menschheit zu verändern.

Ich finde auch, dass man in erster Linie Gentherapien für somatische Zellen bei kranken Kindern und Erwachsenen entwickeln sollte, ohne in die Keimbahn einzugreifen. Ethische Fragen stellen sich schon heute: wenn bei einer künstlichen Befruchtung das Erbgut untersucht und Embryonen aussortiert werden. Die Präimplantationsdiagnostik ist in Deutschland in Einzelfällen erlaubt und sollte auch meiner Meinung nach sehr restriktiv eingesetzt werden. Wichtig ist auch hier, dass der Fokus auf der Behandlung von Krankheiten liegt.

Ihre Kollegin Jennifer Doudna berichtet, dass sie die ethischen Diskussionen über genmanipulierte Pflanzen, Tiere und Menschen kaum kannte, die mit der Entdeckung von CRISPR über sie hereinbrach. Sie sei schließlich Biochemikerin. Wie haben Sie die Zeit seit der Entdeckung erlebt?

Ich habe in der Forschung schon immer genetisch gearbeitet. Und obwohl ich mit Bakterien forsche: wenn man Gene verändert, muss man dies verantwortungsbewusst und im Rahmen der gesetzlichen Vorschriften tun. Man kennt die Risiken der genetischen Werkzeuge. Als das Klonen möglich wurde, wurden genetische Techniken hinterfragt – und CRISPR wirft diese Fragen nun neu auf. Ich persönlich freue mich natürlich über die neuen Labortechniken mit CRISPR, die die zellbiologische und biomedizinische Forschung enorm unterstützen.

Welche Reaktionen erhalten Sie aus der Öffentlichkeit?

Kritische Briefe bekomme ich nur wenige. Mir schreiben vor allem Patienten mit genetischen Krankheiten, die sich nach den therapeutischen Möglichkeiten von CRISPR erkundigen. Das zeigt mir, dass sie die Entwicklungen in der Wissenschaft aufmerksam verfolgen.

Machen sich manche Patienten auch zu viele Hoffnungen?

Manche vielleicht schon. Ich drücke mich daher immer vorsichtig aus – allein schon, weil ich keine Ärztin bin und weil es noch Jahre dauern wird bis zu den ersten klinischen Studien mit CRISPR-Therapien.

Das Missbrauchspotenzial hängt auch davon ab, wie leicht es ist, CRISPR einzusetzen. Schafft man das ohne Studium? Und welche Art von Labor würden Menschen mit kriminellen Absichten benötigen?

Man braucht schon ein gut ausgestattetes Labor, wie es an Universitäten üblich ist. Es kommt auch immer darauf an, in welchen Experimenten man CRISPR-Techniken einsetzen möchte. Zellkulturen und Bakterien benötigen je nach Organismus entsprechende Laborbedingungen, um erfolgreich kultiviert zu werden. Natürlich ist es kriminell, ein Labor zu betreiben, ohne den gesetzlichen Regelungen zu folgen. Man muss aber nicht studiert haben, um Regeln und Gesetze zu brechen – und das gilt nicht nur für CRISPR-Techniken.

Das Gespräch führte Alexander Mäder.

Ein Porträt der Mikrobiologin Emmanuelle Charpentier und ein Interview mit dem heutigen Vorsitzenden des Deutschen Ethikrats, Peter Dabrock, zum "Genome Editing" finden Sie in bild der wissenschaft 10/2015.

Reload-Capcha neu laden Text der identifiziert werden soll

Bitte geben Sie zusätzlich noch den Sicherheitscode ein!

Rubriken

 


Harte Nuss
Rätsel: Berühmte Entdecker gesucht

 

Der Buchtipp

Was kommt dabei heraus, wenn sich Alice nicht ins Wunderland verirrt, sondern in eine Vorlesung über Quantenphysik? Eine Reise als intellektueller und ästhetischer Genuss.

Zu allen Buchtipps


Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der Konradin Mediengruppe