Mücken-Mutanten: ein genetischer Pyrrhus-Sieg

Auf diese Mückenart haben es Genetiker abgesehen: Anopheles gambiae (Foto: CDC/James Gathany)

Damit Mücken keine Krankheiten mehr übertragen, setzen Forscher genetisch manipulierte Exemplare frei, die alle ihre Nachkommen zu unfruchtbaren Mutanten machen. Gute Idee, die beim Praxistest in freier Wildbahn krachend durchfallen wird. Ein Kommentar von Susanne Donner

Wie schön das wäre, wenn die Welt um Mücken ärmer wäre! Keine Stiche mehr und vor allem keine todbringenden Krankheiten wie Dengue- und Chikungunya-Fieber, Fehlbildungen durch Zikaviren oder Malaria. Alleine an dieser gefürchteten Fiebererkrankung stirbt alle zwei Minuten ein Kind. Die Bill und Melinda Gates Stiftung spendiert seit 2016 75 Millionen US-Dollar, damit der Plan einer mückenfreien Welt Wirklichkeit wird. In zwei Jahren schon könnte es soweit sein – irgendwo in Afrika, verlautbarte Gründervater Bill Gates.

Eine neue Methode der Gentechnik soll den Traum in Erfüllung gehen lassen. "Gene Drive" heißt sie, "Gen-Antrieb" bedeutet das oder frei übersetzt so viel wie "Gen-Feldzug" (in dieser Ausgabe berichtet "bild der wissenschaft" ausführlich über diese neue Technologie). Ein manipuliertes Gen kann sich mit dieser Methode nämlich innerhalb einer Art komplett durchsetzen. Die Genetiker können ihre Tierchen so verändern, dass das eingefügte Erbmerkmal an nahezu alle Nachkommen, also quasi zu 100 Prozent, weitgegeben wird. Mücken, deren Nachwuchs unfruchtbar ist, haben sie beispielsweise so erschaffen. Und weil das Sterilitätsmerkmal sich massenhaft durchsetzt, sollten ein paar Tausend Mutanten genügen, um alle Mücken weltweit auszurotten, werben die Londoner Erfinder.

Eingriff ohne Rückkehr

Der Traum ist nicht neu. DDT hieß in den 1960er- und 1970er-Jahren der Stoff dafür. Von Helikoptern und in Haushalten versprüht sollte die Chemikalie den Plagegeistern global den Garaus machen. Der Traum platzte. Die Mücken blieben. DDT ist wegen Umweltschäden in vielen Ländern verboten und in Eisbären und Delfinen bis heute nachweisbar.

Vielleicht wegen dieses Alptraums debattieren die Experten dieses Mal vorab über die ökologischen Folgen eines Genfeldzugs gegen Mücken. Die Naturschutzorganisation "Friends of the Earth" fordert ein Moratorium der Technik. Eine genetische Auslöschungsstrategie sei falsch und gefährlich. Auch Greenpeace warnt vor dem nicht umkehrbaren Eingriff.

Es ist ja nicht verkehrt, wenn früh erörtert wird, was wäre, wenn. Viel zu oft waren es schlimme Unfälle, die Politiker und Nichtregierungsorganisationen wach rüttelten, etwa dass Medikamente strenger geprüft und Chemieunternehmen sauberer arbeiten müssen. Aber dieses Mal blenden die Akteure angesichts der Technikfolgen vollends die Frage der Machbarkeit der eben erst vorgestellten Methode für den Genfeldzug aus.

In freier Wildbahn unterlegen

Schon länger werden Insekten genetisch in einer Weise verändert, sodass ihr Nachwuchs steril ist. Das britische Unternehmen Oxitec macht das seit Jahren, die Internationale Atomenergiebehörde auch. Die Erschaffer haben ihre Mutanten auch zu Zigtausenden freigesetzt, immer mit dem Ziel Krankheitserreger oder Schädlinge einzudämmen. Das gelang auch kurzfristig, solange die Todbringer ausgesetzt werden. Aber verschwunden sind die Mücken, Tsetsefliegen und Fruchtfliegen deshalb noch nie. "Die im Labor erschaffenen Insekten sind nämlich weniger fit als die natürlichen Spezies. Deshalb verschwinden am Ende die Mutanten, sobald sie nicht mehr freigesetzt werden", erklärt der Insektenspezialist Eckhard Wimmer von der Stony Brook University in New York.

Dass der Mensch mit ein paar Experimenten in einem Handstreich überlegenere Supermoskitos erzeugt, passiert in Kinofilmen, nicht im Labor. Aus demselben Grund werden übrigens weder hochgezüchtete Rosen noch Gen-Sojapflanzen plötzlich zu Unkraut am Wegesrand. Nur künstlich können sie bestehen.  

Deshalb: Die Mutanten für den Gen-Feldzug werden den Gegnern in freier Wildbahn in der Zahl und an Widerstandskraft unterlegen sein. Höchstens auf einer Insel mit einer begrenzten Zahl an Mücken könnten Abermillionen Genfeldzug-Mutanten diese lokal ausrotten. Andernorts werden dagegen aus dem Umland ständig Myriaden neuer Mückenschwärme einfallen und die mutierten Todbringer aus dem Labor verdrängen. Ein globaler Genfeldzug gegen Mücken gehört ins Reich der Utopien. Millionen zum Trotz.

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