Gene gegen Krebs

Eine Genom-Sequenz (Foto: cosmin4000 / Thinkstock)
Eine Genom-Sequenz (Foto: cosmin4000 / Thinkstock)

Mitte der 1980er-Jahre kamen Biologen und Mediziner zu dem Schluss, dass sie sich für die Bekämpfung von Krebs auf die Gene des Menschen konzentrieren sollten. Der Nobelpreisträger Renato Dulbecco untersuchte damals Brustkrebs in Ratten. Ihn interessierte, wie die bösartigen Tumoren entstehen. Seine Beobachtungen ließen erkennen, dass die Tumore durch eine Anhäufung von genetischen Änderungen wuchsen. Dulbecco verkündete: Wer Krebs verstehen will, muss das genetische Material kennen. Seitdem sammeln Forscher in ständig wachsenden Projekten mehr und mehr Genom-Sequenzen. Jetzt warten wir alle auf die Konsequenzen der Sequenzen.

Es hat eine Zeitlang gedauert, bis sich in gelehrten Kreisen die Einsicht durchsetzte, dass Krebs eine genetische Krankheit ist. Das hat auch damit zu tun, dass das Wort "genetisch" zwar weitverbreitet ist und von nahezu jedermann benutzt wird, aber trotzdem vielfach offen bleibt, was damit eigentlich gemeint ist - meistens etwas, dass von einem Gen oder von einigen Genen abhängt. Mit dieser Bedeutung ist das Wort aber nicht entstanden. "Genetisch" stammt aus dem 18. Jahrhundert, und sein Schöpfer Goethe meinte damit allgemein etwas, das im Werden begriffen ist und etwa als Blatt von einer Pflanze hervorgebracht wird. Natürlich dürfen Begriffe ihre Bedeutung ändern, aber das gilt nicht nur für "genetisch", sondern auch für die "Gene".

Viele Molekularbiologen der Moderne, die sich mit der Gesamtheit des Erbmaterials einer Zelle beschäftigen, haben längst die Hoffnung aufgegeben, genau sagen zu können, was ein Gen ist. Sie erwägen inzwischen, den schönen Begriff aus dem frühen 20. Jahrhundert fallen zu lassen. Es scheint wichtiger und lohnender, über Genome - also den gesamten DNA-Bestand eines Zellkerns - zu sprechen, da die Gene im traditionellen Sinn nur einen kleinen Bruchteil des Erbmaterials einer Zelle ausmachen. Aber noch interessieren sich die Forscher und die sie finanzierende Öffentlichkeit für die genetischen Beiträge zum Krebs. Vor allem auch dafür, was in immer größer werdenden DNA-Sequenzier-Fabriken an Genomdaten gesammelt wird.

Hoffnungsträger Gene

Es braucht nicht betont zu werden, wie sehr sich manche Forscher darum bemühen, den Krebs erst zu verstehen und dann zu besiegen. Und es braucht nicht angemerkt zu werden, wie sehr die Gesellschaft auf die dazugehörigen Erfolgsmeldungen wartet und wie viele Menschen hoffen, von ihrem Leiden erlöst zu werden. Der Wunsch, den Krebs zu besiegen, ist uralt und hat in manchen Staaten enorm viele Geldmittel locker gemacht. Doch hatte die Idee, den Krebs über die Kenntnis der menschlichen Gene oder der Offenlegung des humanen Genoms zu ergründen, den Erfolg, den sich die Wissenschaftler selbst davon versprochen haben - und auch der Gesellschaft versprochen haben?

Durch das Human Genome Project sind seit einem Jahrzehnt immer bessere Methoden erarbeitet worden, mit denen immer schneller und immer zuverlässiger Genome sequenziert werden. Aus Projekten, die 1000 Genome anschauen wollten, sind längst Vorhaben geworden, die 100.000 Genome ins Auge fassen wollen. Das ist erstaunlich, aber man darf auch darüber staunen, um wie viel raffinierter und dynamischer sich das menschliche Erbgut erwiesen hat. Längst müssen die Forscher nicht nur die eindimensionalen Sequenzen, sondern darüber hinaus das gesamte dreidimensionale Gebilde, in dem sich Chromosomen zusammenfinden, in den Blick nehmen, wenn sie verstehen wollen, was mit den genetischen Informationen möglich ist.

Das wird das Verlangen der forschenden Menschen nicht ändern, doch Zugriff zu ihnen zu bekommen. Der Wunsch, den Krebs zu verstehen, ist unbändig und er bleibt zum Glück bestehen. Die vor 30 Jahren aufgekommene Idee, dass dies gelingen kann, wenn man das genetische Material kennt, bleibt gültig. Nur scheint es nicht auszureichen, die Gensequenzen offen zu legen. Der Kampf gegen den Krebs geht weiter - aber er muss weiter gehen, als man denkt.

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