Sozialverhalten im Bann des Immunsystems

Mäuse sind soziale Tiere - normalerweise. (Foto: GlobalP/iStock)

Kein Interesse an Freunden bis hin zu Autismus und Schizophrenie: Ein eher frostiges Sozialverhalten könnte mit Störungen des Immunsystems zusammenhängen, legt eine Studie an Mäusen nahe. Fehlte den Nagern ein bestimmter Botenstoff des Immunsystems, verloren sie ihre Kontaktfreude zu Artgenossen. Interessanterweise aktiviert diese Substanz auch Abwehrmechanismen gegenüber Krankheitserregern. Möglicherweise haben sich beide Funktionen parallel entwickelt, sagen die Forscher.

Lange ging man davon aus, dass das Immunsystem und Hirnfunktionen nichts mit einander zu tun haben. Doch Erkenntnisse der letzten Jahre stellten dies in Frage. Es zeichnete sich ab, dass Störungen wie Autismus oder Schizophrenie mit auffälligen Merkmalen des Immunsystems einhergehen. Letztes Jahr fanden die Forscher um Jonathan Kipnis von der University of Virginia dann weitere Hinweise darauf, dass es direkte Verbindungen zwischen dem Gehirn und dem Lymphsystem gibt, das eine zentrale Rolle bei der Organisation von Abwehrmechanismen im Körper spielt. An diese Forschungsarbeiten knüpft nun die aktuelle Studie an.

Unsoziales Verhalten an- und abgestellt

Die Forscher führten ihre Untersuchungen an genetisch veränderten Mäusen durch, die eingeschränkte Funktionen des Immunsystems aufweisen. Wie ihre Experimente ergaben, wirkt sich bei ihnen der Mangel an Lymphozyten auf das Sozialverhalten aus: Sie zeigen im Vergleich zu normalen Mäusen kaum Interesse an ihren Artgenossen. Wie die Wissenschaftler berichten, steht dieser Effekt im Zusammenhang mit dem Fehlen eines bestimmten Immun-Moleküls, des sogenannten Gamma-Interferons. Es wird von den Lymphozyten des Immunsystems gebildet und wirkt offenbar auf das Nervensystem.

Experimente zeigten, dass die Blockade dieser Substanz zu einer Überaktivierung bestimmter Bereiche im Gehirn von Mäusen führt. Dieser Effekt ist für das unsoziale Verhalten der Nager verantwortlich, berichten die Forscher. Die Verknüpfung zeigte sich klar nach dem Wiederherstellen normaler Werte von Gamma-Interferon beziehungsweise der normalen Immunfunktion: Die Überaktivierungen im Gehirn der Versuchstiere verschwanden und sie gewannen das Interesse an ihren Artgenossen zurück.

Vor dem Hintergrund, dass Gamma-Interferon bekanntermaßen vom Immunsystem als Reaktion auf Bakterien, Viren und Parasiten produziert wird, ergeben sich nun spannende Vermutungen: "Manche unserer Verhaltensweisen könnten im Zusammenhang mit unserer Immunantwort gegenüber Krankheitserregern entstanden sein", erklärt  Kipnis. "Es mag zwar befremdlich erscheinen, aber darin spiegelt sich offenbar wider, dass wir das Schlachtfeld zweier alter Mächte sind: der Erreger und der Körperabwehr. Ein Teil unserer Persönlichkeit könnte tatsächlich durch das Immunsystem geprägt sein", so der Forscher.

Sinnvoller Kombinationseffekt

Klar ist: Sozialverhalten hat eindeutig mit der Übertragung von Krankheitserregern zu tun: Wer Artgenossen nah kommt, kann sich leicht "etwas" einfangen. Für die Fortpflanzung und weitere Grundlagen des Erfolgs ist es für viele Lebewesen jedoch zwingend nötig, nahen Kontakt zu Artgenossen zu suchen. "Sozialverhalten muss sein – aber dabei besteht eben die Gefahr der Krankheitsübertragung. So erscheint es plausibel, dass Gamma-Interferon im Lauf der Evolution die Funktion übernommen hat, sowohl das Sozialverhalten anzuregen als auch die Körperverteidigung", sagt Kipnis.

Neben dieser evolutionsbiologisch interessanten Bedeutung werfen die Ergebnisse nun auch neues Licht auf die Ursachen von psychischen Störungen, die mit gestörtem Sozialverhalten einhergehen. "Sie können zu einem tieferen Verständnis von sozialen Fehlfunktionen bei neurologischen Erkrankungen wie Autismus und Schizophrenie beitragen und neue Wege für therapeutische Ansätze eröffnen", sagt Co-Autor Vladimir Litvak von der University of Massachusetts. Inwieweit genau und auf welche Weise Effekte des Immunsystems mit der Entwicklung dieser Problematiken zu tun haben, müssen nun aber erst weitere Studien klären.

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