Beeinflusst der Motorkortex Entscheidungen?

Eine Entscheidung fällt, danach wird der Finger entsprechend bewegt. (Foto: Manuel Faba Ortega/iStock)

"Verstand an Bewegungszentrum: Knopf rechts drücken!" Der sogenannte Motorkortex gilt bislang als reiner Befehlsempfänger der Entscheidungen unseres Denkapparats. Doch offenbar mischt auch dieser angeblich nur ausführende Hirnbereich bei der Entscheidungsfindung mit, legen Studienergebnisse nahe. Demnach gibt es möglicherweise doch keine klare Trennung zwischen entscheidenden und reagierenden Hirnregionen.

Unser Verstand hat die Kontrolle – so scheint es: Er wägt zwischen verschiedenen Optionen ab und sendet dann die entsprechenden Befehle an die ausführenden Teile des Gehirns. Beispielsweise entscheidet er beim Autofahren, dass wir  bremsen oder aber das Gaspedal drücken. Die passende motorische Reaktion wird danach ausgewählt und ausgeführt. Bisher galt, dass verschiedene Hirnregionen für diese Schritte verantwortlich sind, wobei der Motorkortex die Bewegungen steuert, ohne selbst Entscheidungen zu beeinflussen. Die Ergebnisse der Forscher um Anna-Antonia Pape von der Universität Tübingen widersprechen nun dieser klaren Zuordnung und lassen das Gehirn erneut vernetzter erscheinen als lange gedacht.

Im Rahmen ihrer Studie stellten die Forscher 20 Versuchspersonen eine simple Aufgabe: Sie sollten feststellen, ob ein Feld aus Punkten sich auf dem Bildschirm gemeinsam in die gleiche Richtung bewegt oder nicht. Die Versuchspersonen konnten entweder mit ja oder nein antworten, indem sie mit der rechten oder der linken Hand einen Knopf drückten. In jedem Durchgang änderte sich aber zufällig die Verknüpfung zwischen der Entscheidung ja-nein und der motorischen Reaktion - linker beziehungsweise rechter Knopf. Die jeweilige Zuordnung der Knöpfe wurde den Probanden durch einen kurzen Hinweis mitgeteilt, so dass ihr Gehirn nicht schon während der Entscheidungsphase den passenden Knopfdruck planen konnte. Während des Experiments wurde ihre Gehirnaktivität mittels Magnetenzephalographie (MEG) aufgezeichnet.

Seltsame Tendenz

Es zeigte sich: Obwohl die Versuchspersonen meist den richtigen Knopf drückten, neigten sie zu einer bestimmten Tendenz bei der motorischen Reaktion: Sie drückten eher denjenigen Knopf, den sie im letzten Durchgang nicht gewählt hatten. Diese Vorliebe fürs Abwechseln war so ausgeprägt, dass die Testpersonen insgesamt schlechter abschnitten, als es normalerweise zu erwarten wäre. Mit anderen Worten: Es kam bei den "Entweder-Oder"-Entscheidungen tendenziell zu abwechselnden Reaktionen.

Worauf dieser Effekt basiert, ließen die Ergebnisse der Untersuchung der Hirnaktivität vermuten: Es zeichnete sich ab, dass eine bevorstehende Handlungsentscheidung auch vom Zustand der motorischen Hirn-Areale schon vor der Entscheidungsfindung beeinflusst wird. Der Zustand dieser Bereiche war dabei stark von den neuronalen Überresten der vorherigen motorischen Reaktion geprägt – es lag wie eine Art Echo vor. Die Intensität dieses Effekts sagte wiederum die Stärke der Neigung vorher, die Handlungsoptionen abzuwechseln. Zusammengenommen spricht das dafür, dass der Motorkortex durchaus Einfluss auf Handlungsentscheidungen hat, sagen die Hirnforscher.

Nicht nur Befehlsempfänger

Die Ergebnisse ziehen somit die bisherige Annahme in Zweifel, dass Handlungsentscheidungen ausschließlich im präfrontalen und fronto-parietalen Kortex getroffen werden - Hirnareale, die für "höhere" Hirnfunktionen verantwortlich und für Gedächtnis und problemlösendes Denken maßgebend sind. Vermutlich spielt hingegen auch der Motorkortex bei entscheidungsbasiertem Verhalten eine wichtige Rolle, sagen Pape und ihre Kollegen.

Doch was bedeutete das letztlich - entscheiden wir zufällig, auf der Basis beliebiger Zustände in unserem Motorkortex? Soweit geht die Bedeutung den Forschern zufolge wohl nicht: "Der Effekt ist da, aber ich würde deswegen nicht den freien Willen in Frage stellen! Höhere Hirnareale sind immer noch extrem wichtig bei Entscheidungen. Aber immerhin wissen wir jetzt, dass die Motorareale zumindest gelegentlich einen Unterschied machen können", sagt Pape.

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