Binge-Eating: Mehr als nur Essattacken

Unkontrollierte Essattacken sind nur ein Symptom der Binge-Eating-Störung (Foto: foodandwhine/iStock)

Wenn ein Mensch unter unkontrollierten Essattacken leidet, hält man ihn schnell für einfach nur willensschwach. Dass hinter der sogenannten Binge-Eating-Störung aber mehr steckt, belegt jetzt ein Experiment. Es zeigt, dass Menschen mit dieser Essstörung generell mehr Probleme damit haben, Entscheidungen und Verhalten an eine sich ändernde Situation anzupassen – auch jenseits des Essverhaltens. Die Ursachen der Essattacken liegen damit tiefer als viele annehmen.

Bis zu drei Prozent der Erwachsenen leiden hierzulande unter der sogenannten Binge-Eating-Essstörung. "Binge" steht im Englischen für ein Übermaß, ein Gelage, eine Prasserei. Die Betroffenen neigen zu unkontrollierten Essattacken und schaffen es nicht, ihr Verhalten in den Griff zu bekommen. Die Patienten leiden dabei nicht nur an Schuld- und Schamgefühlen, ihnen drohen auch Adipositas, Diabetes und andere gesundheitliche Gefahren. Im Gegensatz zur bekannteren Bulimie erzwingen die Betroffenen nach einem Anfall kein Erbrechen und nehmen auch keine Abführmittel. Das Binge-Eating ist seit 2013 offiziell als psychische Erkrankung anerkannt. Denn für die Betroffenen sind die Essattacken zwanghaft: Sie sind sich der psychischen und physischen Folgen zwar bewusst, können aber trotzdem ihr Essverhalten nicht kontrollieren und während eines Essanfalls nicht aufhören. Obwohl die Binge-Eating-Störung die häufigste Essstörung bei uns ist, weiß man bisher nur sehr wenig über die neurowissenschaftlichen Grundlagen dieses Leidens.

Flexibilität der Entscheidungen im Test

Um mehr darüber herauszufinden, haben Andrea Reiter vom Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig und seine Kollegen das Entscheidungsverhalten von Betroffenen näher untersucht. Ausgangspunkt der Studie war die Beobachtung, dass Betroffene es beim Essen wider besseres Wissen nicht schaffen, ihr Verhalten flexibel an die Situation anzupassen – und mit dem Essen aufzuhören, wenn es genug ist. Die Forscher wollten wissen: Wie verhält es sich mit Entscheidungssituationen, die unabhängig von der Nahrungsaufnahme sind? Liegt das Problem vielleicht tiefer und den Patienten gelingt es generell nicht, eine einmal getroffene Wahl je nach Bedingungen zu überdenken?

In ihrem Experiment spielten die Forscher mit 22 Patienten mit Binge-Eating-Störung und 22 gesunden Vergleichspersonen ein einfaches Spiel: Die Probanden sollten jeweils eine von zwei Spielkarten auswählen und im Laufe des Spiels herausfinden, welche der Karten häufiger gewinnt. Der Clou dabei: Nach einiger Zeit des Spielens wechselte die Gewinnerkarte. Die zuvor gelernte und erfolgreiche Spielstrategie der Probanden funktionierte daher nun nicht mehr und musste entsprechend angepasst werden. Die Forscher beobachteten zum einen, wie schnell es die Teilnehmer schafften, sich umzuorientieren und ihre Kartenwahl anzupassen. Zum anderen werteten sie mittels funktioneller Magnetresonanztomografie (fMRT) aus, was dabei im Gehirn der Teilnehmer passierte.

Deutliche Unterschiede

Und tatsächlich: Die Wissenschaftler beobachteten auffällige Unterschiede zwischen den Binge-Eating-Patienten und den Kontrollpersonen. Die gesunden Probanden passten ihre Kartenwahl schnell an die geänderten Gewinnchancen an, die Binge-Eating-Patienten hatten dabei jedoch Probleme. "Stattdessen testen sie immer wieder die offensichtlich schlechtere Option aus, obwohl sie es bereits anders gelernt haben", berichtet Reiter. Die Forscher schließen daraus, dass die Betroffenen generell Schwierigkeiten haben, ihre Entscheidungen anhand gelernter Erfahrungen angemessen anzupassen. "Natürlich wäre es für uns Menschen das Einfachste, wenn unsere Umgebung immer konstant bleiben würde. Dann könnten wir stets die gleichen gelernten Verhaltensweisen anwenden und müssten uns nicht ständig anpassen", erklärt Reiters Kollege Lorenz Deserno. "Da sich unsere Umwelt aber jederzeit verändert, müssen wir zielgerichtet unsere Handlungsoptionen neu überdenken. Binge Eating Patienten fällt das deutlich schwerer."

Das spiegelte sich auch im Gehirn der Studienteilnehmer wider: Bei den Kontrollpersonen hinterließen die flexiblen Entscheidungen eine typische Signatur in der Hirnaktivität. Diese war bei den Binge-Eating Patienten jedoch nicht so klar ausgeprägt. "Bei ihnen ist der sogenannte mediale präfrontale Cortex weniger aktiv, also das wesentliche Hirnareal um zielgerichtete Entscheidungen zu treffen", erklärt Deserno. Und nicht nur das: Auch das System, das gesunden Menschen bei der Korrektur von Fehlentscheidungen hilft, scheint bei Binge-Eating-Patienten nicht ausreichend zu funktionieren. Denn normalerweise feuern nach einer Fehlentscheidung oder einem Irrtum der laterale präfrontale Cortex und die Insula – zwei Hirnregionen, die uns dabei helfen, unseren Fehler zu korrigieren und das nächste Mal die bessere Option zu wählen. Beide Areale waren bei den Binge-Eating-Patienten weniger aktiv als normal. Zusammengenommen deuten die Ergebnisse darauf hin, dass die neurobiologischen Wurzeln der Binge-Eating-Störung tiefer reichen als nur bis zum Essverhalten.

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