Weibliche Gehirne "lieben" Großzügigkeit

Hirnforschung der geschlechtsspezifischen Art. (Illustration: ChrisGorgio/iStock)

Es ist nicht nur ein Klischee – Frauen verhalten sich Studien zufolge durchschnittlich prosozialer als Männer. Nun haben Forscher einen Einblick in den neuronalen Hintergrund dieses Unterschieds gewonnen: Die Gehirne von Frauen und Männern verarbeiten demnach soziales und egoistisches Verhalten unterschiedlich. Bei Frauen löst Großzügigkeit eine vergleichsweise starke neuronale Belohnungsreaktion aus, während die Gehirne von Männern im Durchschnitt bei egoistischem Verhalten mehr Belohnungsaktivität zeigen. Inwieweit dies angeboren oder kulturell geprägt ist, bleibt allerdings eine offene Frage.

Ausnahmen bestätigen natürlich die Regel – aber diese besagt: Im Vergleich zu Männern sind Frauen tendenziell großzügiger, uneigennütziger und haben mehr Sinn für Gerechtigkeit. Dies hat sich in Verhaltensstudien immer wieder gezeigt. Beispielsweise verteilen Frauen Geldbeträge bei experimentellen Spielen deutlich großzügiger als männliche Teilnehmer. Letztlich ist klar, dass dieser Unterschied auf Mechanismen im Gehirn beruht, die mit dem Belohnungssystem zu tun haben. Der Mensch zeigt oder unterlässt vieles, weil ihm sein Gehirn gleichsam sagt: "Gut gemacht!". Dabei werden Botenstoffe frei beziehungsweise Hirnaktivitäten ausgelöst, die uns ein Wohlgefühl vermitteln.

Verhaltenstendenzen spiegeln sich im Gehirn wider

Inwieweit dieses System auch beim Unterschied im Sozialverhalten zwischen den Geschlechtern eine Rolle spielt, haben nun die Forscher um Alexander Soutschek von der Universität Zürich untersucht. Sie führten dazu Verhaltensexperimente mit knapp 30 Männern und 30 Frauen durch. Diese nahmen an experimentellen Spielen teil, bei denen es zwei frei wählbare Strategien gab: Bei der egoistischen Variante heimst man nur Geld für sich selbst ein, bei der prosozialen teilt man hingegen mit anderen. Einigen Probanden blickten die Forscher ins Gehirn, als sie an diesen Spielen teilnahmen: Sie erfassten die neuronale Aktivität mittels funktioneller Magnetresonanztomographie.

Es zeigte sich: Bei den Frauen wurde das sogenannte Striatum tendenziell stärker aktiviert, wenn sie sich prosozial verhielten, als wenn sie egoistische Entscheidungen trafen. Das Striatum ist ein Bereich in der Hirnmitte, von dem bekannt ist, dass es für Entscheidungen im Rahmen der Bewertungs- und Belohnungsverarbeitung zuständig ist. Wie die Forscher berichten, aktivierte bei den Männern hingegen eher das egoistische Verhalten das Striatum. "Das Belohnungssystem von Frauen reagiert demnach stärker auf großzügige Entscheidungen als das von Männern", interpretiert Soutschek.

In einem weiteren Experiment gingen die Forscher diesem Zusammenhang durch die Gabe eines Wirkstoffes nach: Sie verabreichten einigen der Freiwilligen die Substanz Amisulprid, die den Neurotransmitter Dopamin hemmt und damit bekanntermaßen zu einer Unterdrückung des Belohnungssytems im Gehirn führt. Beim Verhalten der Probanden bei den experimentellen Spielen, zeigte dies eine auffällige Wirkung: Die Frauen verhielten sich unter dem Einfluss dieser Substanz tendenziell egoistischer - die Männer im Gegenzug hingegen sozialer, berichten die Forscher. "Dieser Befund legt nahe, dass das Belohnungssystem von Frauen und Männern auch pharmakologisch unterschiedlich auf Großzügigkeit reagiert", sagt Soutschek.

Vermutlich ein Effekt der kulturellen Prägung

Obwohl sich den Ergebnissen zufolge die geschlechtsspezifischen Unterschiede bei den Tendenzen im prosozialen Verhalten auch physiologisch nachweisen lassen, bleibt die Grundursache unklar. Denn Soutschek zufolge geht daraus nicht hervor, dass die Tendenzen den Geschlechtern angeboren oder evolutionär bedingt sind. Sie könnten auch durch Erziehung oder die Kultur geprägt sein. Bekannt ist in diesem Zusammenhang auch: Die Belohnungs- und Lernsysteme im Gehirn sind eng miteinander verknüpft.

Verhaltens-Studien belegen zudem, dass prosoziales Verhalten bei Mädchen eher mit Lob belohnt wird als bei Jungen: "Sie lernen, eher eine Belohnung für prosoziales als für egoistisches Verhalten zu erwarten. Der Geschlechterunterschied, den wir in unseren Studien beobachtet haben, lässt sich in diesem Sinne am besten durch die unterschiedlichen kulturellen Erwartungen an Männer und Frauen erklären", resümiert Soutschek.

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