Schon Babys "blicken" Wahrscheinlichkeiten

Baby-Blicke verraten Verstand. (Foto: ajkkafe/iStock)

Kann das denn sein? Wenn wir begreifen, dass etwas der Wahrscheinlichkeit widerspricht, blicken wir es verstärkt an. Genau so reagieren schon sechs Monate alte Babys, zeigt eine Studie. Darin spiegelt sich ihre Fähigkeit zur Wahrscheinlichkeitsrechnung wider, sagen die Forscher. Diese Schlüsselbegabung des Menschen entwickelt sich demnach bereits erstaunlich früh.

Zusammenhänge erkennen, Wahrscheinlichkeiten einschätzen und dann kluge Entscheidungen treffen: Diese Verstandesleistungen avancierten zum großen Erfolgsrezept der Spezies Mensch. Dem Sinn für die sogenannte Stochastik von Geschehnissen haben Forscher des Max-Planck-Instituts für Kognitions- und Neurowissenschaften (MPI CBS) in Leipzig und der Universität Uppsala nun eine Studie gewidmet. Im Fokus stand dabei die Frage, wann sich diese zentral wichtige Fähigkeit des Menschen entwickelt – beherrschen etwa schon Babys Wahrscheinlichkeitsrechnungen?

Bei den Probanden der Forscher um Ezgi Kayhan vom MPI CBS handelte es sich um  insgesamt 75 Babys im Alter von sechs, zwölf und 18 Monaten. Die Neurowissenschaftler zeigten den Kleinen animierte Filme und erfassten dabei ihre Blicke mithilfe der sogenannten Eyetracking-Methode. Zu sehen war eine Apparatur, ähnlich einer Lottomaschine. Sie war mit Bällen gefüllt, von denen die Mehrheit blau war – einige wenige waren aber auch gelb.

Wenn Babys auf Bälle starren...

Im Verlauf der Filme spuckte die Maschine die Bälle in zwei Körbe aus. In einer Version geschah dies in logischer Weise: In den Körben landeten hauptsächlich die überproportional häufig vorhandenen blauen Bälle. In einer anderen Variante rollten hingegen in einen der Körbe unlogisch viele gelbe Bälle. Dass die Maschine einen gelben statt eines blauen Balls ausspuckt, war dabei 625 Mal unwahrscheinlicher. Der zweite Behälter voller gelber Bälle repräsentierte somit ein Ereignis, das menschlicher Wahrscheinlichkeitseinschätzung extrem widerspricht.

Die Auswertungen der Blickrichtungen der kleinen Probanden zeigten: "Die Babys, egal welcher Altersklasse, schauten länger auf die unwahrscheinlichere Variante als auf die wahrscheinliche", berichtet Kayhan. "Sie scheinen erstaunt über das sehr unwahrscheinliche Ereignis gewesen zu sein", erklärt die Wissenschaftlerin. Um sicherzustellen, dass nicht etwa nur die Farbe Gelb die Blicke der Babys auf sich zog, drehten die Wissenschaftlerinnen in einigen der Versuche die Häufigkeiten beider Farben um oder verwendeten andersfarbige Bälle. Resultat: Das Prinzip blieb gleich.

Im Alter von sechs Monaten schärft sich der Blick

Die Forscher testeten außerdem, ob es sich auswirkt, wie klar der Unterschied zwischen der zu erwartenden und der unwahrscheinlichen Variante auf den ersten Blick zu erkennen ist. Die Forscher veränderten dazu das Verhältnis aus blauen und gelben Kugeln so, dass es nur noch neunfach wahrscheinlicher war, dass die Maschine eine blaue statt einer gelben Kugel ausspuckte. Ergebnis: Nun schauten die kleinen Studienteilnehmer plötzlich länger auf die wahrscheinlichere Variante - den Korb mit hauptsächlich blauen Bällen.

"Diese Beobachtung war für uns sehr überraschend. Eine Erklärung dafür könnte sein, dass mit steigendem Schwierigkeitsgrad auch die Informationen für die Kleinen ab einem bestimmten Level zu komplex werden. Aus früheren Studien wissen wir, dass Babys sich in solchen Fällen auf ihnen bekannte Objekte oder Zusammenhänge konzentrieren", sagt Kayhan.

Eine frühere Studie an vier Monate alten Babys hatte ergeben, dass sich in ihren Blicken noch kein Verständnis von Wahrscheinlichkeiten widerspiegelt. Somit zeigt die aktuelle Studie nun den Beginn der Entwicklung auf: "Die Fähigkeit, Wahrscheinlichkeiten abzuschätzen, scheint sich etwa im Alter von sechs Monaten herauszubilden", resümiert Kayhan.

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