Ein visuelles Wörterbuch im Kopf

Wenn wir ein Wort einmal gelernt haben, wird es als "Wortbild" gespeichert. (thinkstock)

Wenn wir einen Text lesen, müssen wir längst nicht mehr jedes Wort mühsam Buchstabe für Buchstabe entziffern. Stattdessen erkennen wir es als Ganzes und begreifen sofort seine Bedeutung. Der Grund dafür: Unser Gehirn speichert bekannte Worte als Bild und verarbeitet sie in einem eigenen Hirnareal – einer Art visuellem Wörterbuch. Wie das Gehirn neue Wörter lernt und diesem Wörterbuch hinzufügt, haben Forscher nun in einem Experiment untersucht.

"Wenn wir ein Wort zum ersten Mal sehen, brauchen wir einige Zeit um es zu lesen ", erklärt Erstautorin Laurie Glezer vom Georgetown University Medical Center in Washington. Einer der Gründe dafür: Unser Gehirn muss innerlich die Buchstaben zusammenfügen und gleicht den Klang des Wortes mit seinem Aussehen ab. Es ist daher kein Zufall, dass Kinder beim Lesenlernen oft die neuen Wörter leise mitsprechen – das erleichtert das Entziffern. Doch das ändert sich schnell: Ist ein Wort einmal bekannt und abgespeichert, dann reicht ein kurzer Blick und wir erkennen es sofort wieder. Den Grund dafür entdeckten Glezer und ihre Kollegen bereits vor einigen Jahren: Es gibt direkt links neben unserem Sehzentrum ein kleines Areal, das das Aussehen von bekannten Wörtern als Bild speichert. "Die Neuronen in diesem Areal fungieren als eine Art visuelles Wörterbuch", erklärt Glezers Kollege Maximilian Riesenhuber. "Diese rein visuelle Repräsentation ermöglicht die schnelle und effiziente Worterkennung, die wir bei erfahrenen Lesern sehen."

Vom Mitsprechen zum visuellen Wiedererkennen

Wie dieses visuelle Wörterbuch neue Wörter aufnimmt und wie schnell, haben die Forscher nun in einem Experiment näher untersucht. Sie baten dafür 25 Probanden, einen Satz von 150 ihnen unbekannten, sinnlosen Fantasiewörtern zu lernen. Vor und nach diesem Training absolvierten die Teilnehmer einen Worterkennungstest, indem sie jeweils eines dieser Fanatasiewörter sahen und ein weiteres ebenfalls sinnloses, das sich nur in einem Buchstaben von diesem unterschied. Zusätzlich wurden  zwischendurch auch echte, existierende Wörter gezeigt. Während dieser Tests zeichneten die Wissenschaftler die Hirnaktivität der Teilnehmer mit Hilfe der funktionellen Magnetresonanz-Tomografie (fMRT) auf.

Und tatsächlich zeigte der Vorher-Nachher-Vergleich deutliche Unterschiede: Vor dem Training reagierten die Neuronen im Areal des visuellen Wörterbuchs nur auf die echten Wörter mit ihrem typischen Aktivitätsmuster. Bei den Nonsens-Wörtern war die Reaktion dagegen unspezifisch. Im Verlauf des Wörtertrainings änderte sich dies jedoch, wie die Forscher berichten. Nun feuerten die Neuronen auch bei den im Training gelernten Fantasiewörtern in dem Muster, wie es für reale Wörter typisch ist. "Das deutet darauf hin, dass diese Wörter zu dem orthografischen Lexikon hinzugefügt wurden", sagen die Forscher. Anzeichen für eine phonetische Repräsentation der Wörter gab es dagegen nicht mehr.

"Unsere Studie ist die erste, die zeigt, wie Neuronen ihre Aktivität verändern, wenn sie neue Wörter lernen und wie plastisch dieses Hirnareal ist", sagt Glezer. Ihrer Ansicht nach trägt dies nicht nur dazu bei, die neuronalen Grundlagen des Lesens besser zu verstehen, es könnte auch neue Einsichten liefern, wie man Menschen mit Leseschwäche besser helfen kann. "Für Menschen, die mit der normalen Lernmethode nicht klarkommen – dem Mitsprechen, könnte es eine gute Alternative sein, sich gezielt das Wort als visuelles Objekt einzuprägen", so Riesenhuber. Wie er berichtet, haben einige Betroffene und auch Lehrer ihnen bereits erzählt, dass diese Methode ihnen geholfen hat.

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