Gibt es eindeutige Männer- und Frauenhirne?

Das Volumen von Hirnregionen (grün = groß, gelb = klein) von 42 Männern und Frauen zeigt eine große Variationsbreite. (Bild: Zohar Berman and Daphna Joel)

Sexualdimorphismus heißt das Fachwort: Gewisse Körpermerkmale des Menschen unterscheiden Mann und Frau bekanntlich klar. Doch gilt das auch für die Strukturen des Gehirns – gibt es das eindeutige Männer- und das typische Frauenhirn? Nach Auswertungen von Hirnscans kommt ein Forscherteam nun zu dem Fazit: Denkorgane sind nicht mit Geschlechtsorganen vergleichbar - menschliche Gehirne sind von Mischungen struktureller Merkmale geprägt, die insgesamt keine Geschlechtszuordnung rechtfertigen.

Wir schätzen klare Zuordnungen – das prägt auch den Blick vieler Menschen auf die beiden Geschlechter: Typisch Mann... typisch Frau. Auch die Wissenschaft beschäftigt sich bisweilen mit solchen Möglichkeiten der geschlechtsspezifischen Verallgemeinerung. Frühere Studien wollen in diesem Zusammenhang bereits typisch männliche und typisch weibliche Merkmale des Gehirns identifiziert haben. In bestimmten Hirnbereichen befindet sich demnach je nach Geschlecht eher mehr oder weniger Hirnmasse und auch Muster von Verknüpfungen unterscheiden sich angeblich in typischer Weise. Die Forscher um Daphna Joel von der Universität Tel-Aviv haben sich dem Thema nun erneut mit einem erweiterten Blick gewidmet: Sie werteten die Ergebnisse von Hirnscans von mehr als 1.400 Männern und Frauen aus, um möglichen geschlechtsspezifischen Aspekten auf die Spur zu kommen.

Keine klare Zuordnung möglich

Ihren statistischen Auswertungen zufolge gibt es durchaus bestimmte Merkmale einzelner  Hirnstrukturen, die häufiger in Männerhirnen zu finden sind als bei Frauen und umgekehrt – doch exklusiv männlich oder weiblich sind sie nicht. Letztlich kennzeichnen die Gehirne von Männern und Frauen unterschiedliche Mischungen von Teilen, die tendenziell eher männlich beziehungsweise weiblich sind. Gehirne, die rein männliche oder rein weibliche Merkmale aufweisen, bilden nur einen Anteil von weniger als acht Prozent. Die Mehrheit der Gehirne von Männern und Frauen zeichnet hingegen ein Mosaik von statistisch eher weiblichen beziehungsweise männlichen Strukturmerkmalen aus. "Menschliche Gehirne lassen sich nicht in geschlechtsspezifische Kategorien einordnen", lautet das Fazit der Forscher.

Wie sie schreiben, decken sich ihre strukturellen Untersuchungsergebnisse mit statistischen Studienresultaten zu Verhaltensweisen, Einstellungen und Begabungen von 5.500 Männern und Frauen. Auch dabei gibt es im Einzelnen geschlechtsspezifische Tendenzen, unterm Strich besitzen Menschen aber auch auf der Charakterebene meist eine Mischung eher femininer und tendenziell maskuliner Persönlichkeits-Aspekte.

Gesellschaftliche Relevanz

Die Forscher betonen auch die gesellschaftliche Relevanz des Themas: Was den Menschen auszeichnet, ist große individuelle Vielfalt, die nicht vor Geschlechtergrenzen halt macht, so das Fazit. Dies sollte viel eher betont werden als geschlechtsspezifische Tendenzen. Denn letzteres könnte dazu führen, dass Menschen in ihrer freien Persönlichkeitsentfaltung eingeschränkt werden. "Die Sicht auf Menschen als vielfältige Individuen hat große Bedeutung für Debatten über den Sinn von Geschlechtertrennung in der Schule oder die soziale Kategorisierung von Menschen je nach Geschlecht", schreiben Daphna Joel und ihre Kollegen.

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