Trost spendende Nager

Präriewühlmäuse kümmern sich rührend um einander. (Foto: Emory University)

Es gilt als Teil der sogenannten Menschlichkeit: Leidgeplagten Freunden schenken wir Trost. Doch offenbar verhalten sich sogar Präriewühlmäuse ähnlich empathisch, haben Forscher nun herausgefunden. Dabei spielt das berühmte Kuschelhormon Oxytocin eine wichtige Rolle, zeigten die Experimente. Die einfühlsamen Nager könnten deshalb nun zu Modelltieren für die Erforschung von psychischen Störungen werden, bei denen empathisches Verhalten betroffen ist, wie beispielsweise bei Autismus.

"Ich weiß, was du durchmachst… Es wird alles wieder gut... Ich bin bei dir..." Wenn wir einem leidenden Mitmenschen durch freundliche Worte und Gesten Zuwendung schenken, spricht man von Trost spenden. Dieses Verhalten basiert wiederum auf der sogenannten Empathie: der Fähigkeit und Bereitschaft zu erkennen, was in einem anderen vorgeht. Die Forschung der letzten Jahre hat immer deutlicher gezeigt, dass Empathie und auch tröstendes Verhalten nicht allein menschlich sind. Sie gehören auch zum hochentwickelten Sozialverhalten der Elefanten, Delfine, Hunde und Menschenaffen. Besonders starke Parallelen zu unserem Verhalten findet man bei Schimpansen: Sie umarmen oder küssen gestresste Artgossen, um deren Leid zu lindern.

Überraschende Trostspender

Bei dem Tier, das sich nun ebenfalls als Trostspender erwiesen hat, handelt es sich allerdings um ein vermeintlich simples Wesen: die Präriewühlmaus (Microtus ochrogaster). Berühmt geworden sind die putzigen Nager bereits im Rahmen der Erforschung des Hormons Oxytocin, das auch beim Sozialverhalten des Menschen eine Rolle spielt. Es sorgt bei den Präriewühlmäusen für die intensive Partnerbindung, die diese Nageltierart auszeichnet: Männchen und Weibchen bleiben sich ein Leben lang treu und ziehen gemeinschaftlich ihre Jungen groß.

Der Nager-Empathie kamen die Forscher nun durch spezielle Experimente auf die Spur: Sie trennten Präriewühlmaus-Pärchen und traktierten einen der beiden Partner mit milden Stromschlägen. Anschließend setzten sie die noch immer verstörte Maus wieder zu seinem Partner in den Käfig. Dieses Tier begann nun seinen malträtierten Freund besonders intensiv zu lecken und zu pflegen, zeigten die Bobachtungen. Dieses Verhalten - das die Forscher als Trösten bezeichnen - widmeten die Präriewühlmäuse nur Partnern, Familienmitgliedern und ihnen vertrauten Tieren. Fremde werden hingegen nicht getröstet. Es handelt sich demnach nicht um ein reines Reflexverhalten, das gestresste Mäuse auslösen, erklären die Forscher.

Drahtzieher: das Kuschelhormon Oxytocin

Durch weitere Untersuchungen konnten sie außerdem zeigen, dass im Gehirn der Tiere speziell der Anteriore Cinguläre Cortex aktiviert ist, wenn sie es mit einem gestressten Bezugstier zu tun haben. Es ist bereits bekannt, dass dieser Hirnbereich auch bei uns anspringt, wenn wir mit dem Leid eines Mitmenschen konfrontiert sind. Es ist in diesem Zusammenhang ebenfalls gezeigt worden, dass Oxytocin für das Niveau des menschlichen Mitgefühls eine Rolle spielt. Um herauszufinden, ob dies auch beim Trost-Verhalten der Präriewühlmäuse der Fall ist, blockierten die Forscher bei einigen ihrer Versuchstiere künstlich die Wirkung des Oxytocins im Anterioren Cingulären Cortex. Anschließend wiederholten sie die Versuche. Es zeigte sich: Ohne die Wirkung des Kuschelhormons trösteten die Mäuse ihre leidgeplagten Artgenossen nicht mehr, putzten sich aber durchaus noch selbst.

In den Ergebnissen spielen sich den Forschern zufolge spannende Parallelen zwischen den neuronalen Prinzipien beim Menschen und den Nagern wider. "Viele komplexe menschliche Verhaltensweisen haben ihre Wurzeln in Hirnprozessen, die wir mit vielen anderen Lebewesen teilen", sagt Co-Autor Larry Young von der Emory University in Atlanta. "Wir haben jetzt die Möglichkeit, an einem Labor-Nagetier grundlegende neuronale Mechanismen bei empathischen Reaktionen untersuchen zu können, die sich mit dem Menschen verknüpfen lassen", so Young. Den Forschern zufolge könnten die Präriewühlmäuse somit die Erforschung von psychischen Erkrankungen voranbringen, bei denen die Sensibilität gegenüber den Emotionen anderer gestört ist, wie beispielsweise bei den Autismusspektrum-Störungen oder der Schizophrenie.

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