Die erste Grippe schützt ein Leben lang

Waren wir als Kind mit einem verwandten Grippevirus infiziert, kann uns die selbst die Vogelgrippe H5N1 weniger anhaben (Foto: CDC)

Ob H5N1, H7N9 oder H10N8: Vogelgrippe-Viren haben in jüngster Vergangenheit wiederholt auch Menschen angesteckt. Forscher haben nun herausgefunden, warum diese neuen Erreger manche Personen schwer krankmachen, während andere weitgehend immun gegen sie zu sein scheinen. Demnach ist unser Immunsystem besser gegen jene Viren gewappnet, die mit denen strukturell verwandt sind, die uns in der Kindheit die erste saisonale Grippeinfektion bescherten. Der Effekt dieser Schutzwirkung reicht erstaunlich weit.

Die Grippe ist ein alter Bekannter: Schon seit Jahrhunderten grassieren Influenza-Erreger in Vögeln, Schweinen und im Menschen. Doch Grippe ist nicht gleich Grippe: Forscher kennen verschiedenste Varianten des RNA-Virus, denn es ist enorm anpassungsfähig und bringt immer wieder neue Stämme hervor. Meist kommen diese für uns Menschen eher harmlos daher. Von Zeit zu Zeit jedoch tauchen Viren auf, gegen die das menschliche Immunsystem nicht gewachsen ist. Allein im 20. Jahrhundert haben solche Erreger drei große Pandemien verursacht. Die schlimmste von ihnen, die Spanische Grippe von 1918, forderte mehr als 50 Millionen Todesopfer. Wie alle der gefährlichsten und zugleich häufigsten Grippeviren gehörte der damals umgehende Erreger zum Influenza-Typ A. Viele Subtypen dieser Grippe kommen hauptsächlich in Vögeln vor. Doch jüngst haben aviäre Influenza-Viren wie H7N9 immer wieder auch Menschen angesteckt und getötet - vor allem in Asien.

Das Tückische an den neuen Viren ist, dass das Immunsystem sie noch nicht kennt und sich deshalb nur schwer gegen sie wehren kann. Trotzdem scheint das körpereigene Abwehrsystem mancher Menschen besser gegen unbekannte Erreger gewappnet zu sein als das von anderen. Seitdem das H7N9-Virus im Jahr 2013 erstmals in China auftauchte, hat es beispielsweise hauptsächlich Ältere befallen. An dem Vogelgrippe-Erreger H5N1 scheinen dagegen vermehrt Kinder und junge Erwachsene zu erkranken. Diese überraschend unterschiedliche Anfälligkeit ist auf den ersten Blick unerklärlich. Wissenschaftler um Katelyn Gostic von der University of California in Los Angeles haben sich nun auf die Suche nach der Lösung des Rätsels gemacht. Ihr Verdacht: Könnte es sein, dass durch den Kontakt mit bestimmten Grippeviren eine Kreuzimmunität entsteht, die vor Erregern mit ähnlichen Eigenschaften schützt?

Geburtsjahr entscheidet

Um ihre Hypothese zu überprüfen, berechneten die Forscher zunächst, mit welchen Influenza A-Varianten zwischen 1918 und 2015 geborene Menschen in den Ländern China, Ägypten, Kambodscha, Indonesien, Thailand und Vietnam statistisch gesehen in Kontakt gekommen sein konnten. Anschließend analysierten sie alle schweren Fälle von H7N9- und H5N1-Infektionen, die seit dem ersten Erscheinen der Viren gemeldet worden waren - insgesamt waren das über 1.400 Patienten. Dabei entdeckten sie ein eindeutiges Muster: Menschen, die vor 1968 geboren wurden, erkrankten häufiger an H7N9, später geborene eher an H5N1. Der entscheidende Unterschied zwischen diesen beiden Gruppen: die Erreger-Subtypen, die während ihrer Kindheit vorwiegend grassierten. Während die erste Grippeinfektion der vor 1968 geborenen Kinder in der Regel von einem Erreger der Subtypen H1 oder H2 ausgelöst wurde, herrschten danach Viren des Subtyps H3 vor. Der Subtyp H3 gehört zur selben Virusgruppe wie der aviäre H7-Erreger. H1 und H2 ordnen Experten hingegen in eine Gruppe mit dem aviären H5-Virus, weil die Hämagglutinin-Proteine auf ihrer Hülle vom selben genetischen Typ sind und sich in gewissen Eigenschaften ähneln.

Das heißt: Je enger verwandt ein neues Influenza-Virus mit jenem Erreger ist, der uns als Kind die erste Infektion mit der saisonalen Grippe bescherte, desto besser scheint unser Immunsystem gegen den unbekannten Eindringling gewappnet zu sein. Nur die allererste Grippeinfektion unseres Lebens hat offenbar diesen prägenden Effekt, wie die Forscher berichten. Bisher gingen Experten davon aus, dass der Kontakt mit einem Grippe-Erreger keinen oder nur sehr schwachen Schutz vor einem neuen Influenza-Virus bietet. Denn das Virus mutiert ständig und einmal gebildete Antikörper können die veränderten Proteine auf der Hülle des Erregers dann nicht mehr erkennen. Tatsächlich aber ist die in der Kindheit erworbene Immunität erstaunlich effektiv: Wie die Wissenschaftler berechneten, reduziert der frühkindliche Kontakt mit dem "richtigen" Erreger das Risiko, durch H5N1 oder H7N9 schwer krank zu werden, um rund 75 Prozent. Die Wahrscheinlichkeit an einer Infektion zu sterben, sinkt dadurch sogar um 80 Prozent.

"Unsere Ergebnisse zeigen, dass die Prägung in der Kindheit einen starken Schutz gegen die Vogelgrippe erzeugen kann", sagt Gostics Kollege James Lloyd-Smith. Vermutlich können bestimmte Antikörper die ähnliche Struktur des Hämagglutinin-Rumpfes erkennen, glauben die Forscher. Denn anders als der Kopf des Proteins mutiert dieser kaum. Seine Struktur unterscheidet sich bei den Virusstämmen aus einer Gruppe höchstens geringfügig. "Wir stellen damit nun das Paradigma infrage, dass eine ganze Bevölkerung bei einer von einem neuen Influenza-Virus ausgelösten Pandemie hilflos ist", sagt Gostic. "Mithilfe unserer Erkenntnisse können wir künftig die Altersverteilung schwerer Grippeinfektionen vorhersagen - und das Potenzial von Viren unterschiedlicher genetischer Gruppen prognostizieren, für schwere Ausbrüche in der menschlichen Population zu sorgen."

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