Krieg und Konflikte als neuzeitliche Seuchenbringer

Der resistente Beijing-Stamm der Tuberkulose breitete sich durch den Zerfall der Sowjetunion und den Afghanistankrieg aus (Foto: CDC)

Lange galt die Tuberkulose bei uns als besiegt – den Antibiotika sei Dank. Doch jetzt kehrt sie zurück: Immer häufiger gibt es Fälle von resistenter Tuberkulose. Wie und wo einer dieser Stämme entstanden ist, haben Forscher nun rekonstruiert. Dabei zeigte sich: Kriege wie die bewaffneten Konflikte in Afghanistan und historische Ereignisse wie das Ende der Sowjetunion spielen für die Entstehung und Ausbreitung der resistenten Tuberkulose eine große Rolle.

Tuberkulose gehört noch immer zu den zehn häufigsten Todesursachen weltweit. Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation WHO erkrankten im Jahr 2015 mehr als zehn Millionen Menschen an der vom Bakterium Mycobacterium tuberculosis verursachten Infektionskrankheit. Mehr als eine Millionen Menschen starb 2015 an Tuberkulose. Ein Großteil der Betroffenen leben in den armen Ländern der Erde – dort, wo es nicht genügend wirksame Antibiotika gegen die Erreger gibt. Aber auch in den Industrieländern ist die Tuberkulose bisher nicht ausgerottet. Das Problem hier sind häufig Tuberkulosestämme, die Resistenzen  gegen gleich mehrere gängige Antibiotika-Klassen aufweisen. Laut WHO gab es weltweit im Jahr 2015 480.000 Neuerkrankungen mit einer solchen multiresistenten Tuberkulose, bei 100.000 weiteren Fällen ist der Erreger nur gegen einen Wirkstoff immun. Einer der Tuberkulosestämme, die in Europa mit erhöhter Resistenz verbunden sind, ist der sogenannte "Beijing-Stamm", eine aus Asien stammende Erregervariante.

Am Beispiel dieses Tuberkulosestammes haben Forscher um Vegard Eldholm vom norwegischen Institut für öffentliche Gesundheit in Oslo nun untersucht, wann und wo die Krankheitserreger ihre Resistenzen bekamen und wie sie sich anschließend ausgebreitet haben. Für ihre Studie analysierten die Forscher das Erbgut von 85 Erregerproben aus Norwegen, Deutschland, Dänemark und Moldawien. Die norwegischen Proben stammten dabei teilweise von tuberkulosekranken Flüchtlingen aus Afghanistan. Anhand von Unterschieden in der Bakterien-DNA konnten die Wissenschaftler den Werdegang dieses Tuberkulosestammes rekonstruieren.

Soldaten und Flüchtlinge als Transporteure

Die Auswertungen ergaben: Seinen Ursprung hat der Beijing-Stamm der Tuberkulose im Zentralasien der 1950er Jahre. Damals besaßen die Bakterien möglicherweise bereits erste Mutationen, die sie gegen die Wirkung der Antibiotika schützten. "Die weitere Evolution und Verbreitung dieses Stammes jedoch wurde durch jüngste historische Ereignisse geprägt", berichten Eldholm und seine Kollegen. Den ersten Schritt in die Welt machten die Erreger demnach während der militärischen Besetzung Afghanistans durch die Sowjetunion von 1979 bis 1989. Die sowjetischen Soldaten schleppten damals diesen Tuberkulosestamm nach Afghanistan ein, wo er sich in der Bevölkerung verbreitete. Wie die Analysen ergaben, kursieren einige Erreger dieses Stammes dort bis heute und finden sich auch vereinzelt bei erkrankten Flüchtlingen, die in den letzten Jahren nach Europa gekommen sind.

Gravierender aber war ein zweites geschichtliches Ereignis: das Ende der Sowjetunion. "Der daraus resultierende Zusammenbruch der öffentlichen Gesundheitssysteme und der Arzneimittel-Aufsicht führte zu hohen Raten der Resistenzentwicklung in den früheren Sowjetrepubliken", berichten die Forscher. Durch Migration von Menschen zwischen den zentralasiatischen Ländern breitete sich der resistente Beijing-Stamm in dieser Region immer weiter aus. Parallel dazu entwickelte sich auch die zuvor nach Afghanistan eingeführte Beijing-Variante weiter. Nach Europa gelangten diese multiresistenten Tuberkulose-Stämme dann vor allem seit Beginn des Afghanistankrieges der USA, als vermehrt Menschen aus den Konfliktgebieten flüchteten. "Es kam zu einer wiederholten Einführung des Beijing-Stammes nach Europa durch die aus den Kriegsgebieten Fliehenden", so Eldholm und seine Kollegen.

Nach Ansicht der Wissenschaftler demonstriert dieses Beispiel, wie stark politische Instabilität und bewaffnete Konflikte zur Ausbreitung von Infektionskrankheiten und resistenten Erregern beitragen. Zum einen erschweren sie die korrekte Behandlung der Krankheiten und fördern damit die Bildung von Resistenzen – beispielsweise, weil Antibiotikatherapien zu früh abgebrochen werden. Zum anderen tragen die von solchen Konflikten ausgelösten Völkerwanderungen dazu bei, die Erreger weltweit zu verbreiten.

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