Tiefe Hirnstimulation gegen Magersucht?

Veränderungen der Hirnaktivität bei Magersüchtigen nach sechs Monaten tiefer Hirnstimulation (Grafik: Lipsman et al. /Lancet)

Magersucht ist eine tückische Erkrankung. Im Extremfall kann sie tödlich sein - nämlich dann, wenn keine Form der Therapie anschlägt und die Betroffenen sich buchstäblich zu Tode hungern. Jetzt aber gibt es für diese Patienten neue Hoffnung: In einer Pilotstudie hat die sogenannte tiefe Hirnstimulation vierzehn Erkrankten messbar geholfen. Nach einjähriger Behandlung fühlten sie sich nicht nur psychisch besser, sie hatten auch zugenommen. Sechs Teilnehmerinnen schafften es sogar, ein normales Gewicht zu erreichen.

Magersucht gehört besonders unter jungen Frauen zu den häufigsten psychiatrischen Erkrankungen. Betroffene hören auf, ausreichend zu essen oder erbrechen ihre Mahlzeiten wieder. Oft versuchen sie auch durch übertriebenen Sport, sich so dünn wie möglich zu hungern. Symptome wie Zwänge, Angststörungen und Depressionen begleiten dieses Verhalten. Meist steckt ein gestörtes Körperbild dahinter: Obwohl die Patientinnen krankhaft abgemagert sind, empfinden sie sich selbst als viel zu dick. Diese verzerrte Wahrnehmung ist nur schwer zu korrigieren. Psychotherapien und andere klassische Maßnahmen schlagen bei bis zu 20 Prozent der Betroffenen nicht an. Selbst nach anfänglichen Erfolgen kommt es nicht selten zu Rückfällen. Dabei ist eine wirkungsvolle Behandlung lebensnotwendig. Denn eine schwere Anorexie kann tödlich enden. In bis zu 15 Prozent der Fälle führt die Störung letztlich ins Grab.

Feine Drähte im Gehirn

Hoffnung für vermeintlich therapieresistente Patienten gibt nun ein neuer Ansatz: die tiefe Hirnstimulation. Bei diesem Verfahren werden feine Elektroden in das Gehirn eingepflanzt, die dann gezielt bestimmte Hirnareale mit schwachen elektrischen Impulsen reizen. Bei Parkinson-Patienten beispielsweise führt dies dazu, dass Bewegungsstörungen nachlassen und auch Patienten mit schweren Depressionen konnte in ersten Studien auf diese Weise geholfen werden. Nach Ansicht von Forschern könnten Magersüchtige ebenfalls von der Methode profitieren, weil sich ihre Störung auch im Gehirn erkennen lässt: Bereiche, die für die Verarbeitung von Körperbildern zuständig sind, weisen bei den Betroffenen zum Teil eine geringere Zelldichte auf. Zudem sind sie funktionell schwächer verbunden als bei Gesunden und kommunizieren demnach weniger gut miteinander. Bestimmte Areale sprechen bei ihnen außerdem anders auf Botenstoffe wie das Glückshormon Serotonin an.

Einer solchen Hirnregion haben sich nun Wissenschaftler um Nir Lipsman vom Sunnybrook Health Sciences Centre in Kanada gewidmet. Im Rahmen einer kleinen Pilotstudie stimulierten sie die sogenannte Area subcallosa im Gyrus cinguli, einem Teil des limbischen Systems. Insgesamt 16 an schwerer Anorexie erkrankte Frauen zwischen 21 und 57 Jahren bekamen für diesen Zweck Elektroden ins Gehirn implantiert. Die Patientinnen litten im Schnitt bereits seit 18 Jahren an Magersucht - und keine gängige Therapie hatte ihnen bislang helfen können. Für die Untersuchung wurden die Probandinnen ein Jahr lang mit der tiefen Hirnstimulation behandelt. Die Elektroden gaben in dieser Zeit alle 90 Sekunden einen elektrischen Puls von 5 bis 6.5 Volt ab. Die Forscher wollten wissen, ob die Methode sicher anzuwenden ist und wie sie sich auf das Gewicht, die Stimmung und das allgemeine Wohlbefinden der Betroffenen auswirkt. Zum Schluss der Therapiemaßnahme überprüften sie außerdem, ob sich die Gehirnaktivität der Probandinnen verändert hatte.

Messbare Besserung

Das Ergebnis: Die Elektroden konnten bei allen Teilnehmerinnen zwar erfolgreich implantiert werden. Allerdings klagten manche Patientinnen über Schmerzen, zwei von ihnen brachen die Studie vorzeitig ab. Bei den verbleibenden 14 Probandinnen zeigte sich die Behandlung jedoch erstaunlich wirkungsvoll. So verbesserte sich bereits kurz nach der Operation die mentale Gesundheit der Magersüchtigen deutlich und sie berichteten von einer gesteigerten Lebensqualität. Zehn Teilnehmerinnen hatten dank der Behandlung mit weniger depressiven Symptomen zu kämpfen, bei immerhin fünf Patientinnen gingen die für die Erkrankung typischen Angstzustände zurück.

Rund drei Monate nach Beginn der Therapie zeigten sich auch erste körperliche Effekte: Die Patientinnen begannen, wieder zuzunehmen. Insgesamt stieg der durchschnittliche Body-Mass-Index (BMI) der Gruppe im Laufe des Studienjahres um 3,5 Punkte auf 17,3 an. Sechs der Teilnehmerinnen erreichten sogar einen normalen BMI von 18,5 oder mehr. Die Verbesserungen spiegelten sich auch im Gehirn wider: Die Wissenschaftler stellten deutliche Veränderungen in etlichen mit Anorexie assoziierten Regionen fest - unter anderem ging die Aktivität im Thalamus zurück, in den peripheren Bereichen des Kortex stieg sie. Dies zeige, dass die tiefe Hirnstimulation direkten Einfluss auf die Schaltkreise gehabt habe, die bei der Entstehung von Magersucht eine Rolle spielen, so die Forscher. "Die tiefe Hirnstimulation wirkt sich damit genau auf jene Faktoren aus, die die Erkrankung aufrechterhalten und sie so schwer therapierbar machen", sagt Lipsman.

Trotz der offensichtlichen Erfolge warnt das Team jedoch vor übertriebener Euphorie: "Unsere Ergebnisse sind zwar vielversprechend. Es ist aber noch weitere Forschung nötig, bevor diese Therapiemethode für Patienten verfügbar wird", betont Mitautor Andres Lozano von der University of Toronto. Die Studie des Teams zeige eindrücklich, dass die moderne Neurowissenschaft neue Behandlungsmöglichkeiten eröffnen könne, kommentiert die nicht an der Arbeit beteiligte Carrie McAdams von der University of Texas. Zu hoffen bleibt nun, dass sich der Ansatz bewährt und schwer Erkrankten in Zukunft tatsächlich helfen kann. Nötig wäre es: "Magersucht ist und bleibt die psychiatrische Störung mit der höchsten Sterblichkeitsrate", sagt Lozano. "Wir brauchen deshalb dringend sichere und effektive Therapien."

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