Suchtanfälligkeit: Vom Vater geerbt?

Über Anlagerungen an der DNA kann die Suchtneigung an die Nachkommen weitergegeben werden ( Grafik:Kristy Pargeter/ iStock)

Ob jemand anfällig für eine Sucht ist oder nicht, hat nicht nur soziale oder psychische Gründe. Auch das Erbgut spielt dafür eine Rolle, wie eine Studie mit Ratten nun nahelegt. Sie enthüllt, dass Kinder von ihren Vätern und Großvätern eine Suchtneigung erben können – allerdings nicht über die Gene, sondern über epigenetische Anlagerungen am Erbgut. Diese beeinflussen den Hirnstoffwechsel im Belohnungssystem und führen so nachhaltig zu einem suchtanfälligeren Verhalten – und dies sogar über mehrere nachfolgende Generationen, wie die Forscher berichten.

Warum sind einige Menschen anfälliger für Süchte als andere? Lange Zeit schrieben Wissenschaftler Unterschiede in der Suchtanfälligkeit vor allem sozialen und psychischen Faktoren zu: Eine schwere Kindheit, zerrüttete Familienverhältnisse oder ein "schlechtes" Umfeld galten als Faktoren, die das Abgleiten in eine Drogensucht begünstigen können. Doch inzwischen haben großangelegte Zwillings- und Adoptionsstudien gezeigt, dass es auch eine erbliche Komponente geben muss: 50 bis 60 Prozent der Suchtneigung, so schätzen Forscher, sind offenbar Veranlagung. Tatsächlich hat man inzwischen einige Genvarianten entdeckt, die manche Menschen anfälliger für Alkoholismus und andere Süchte machen könnte. Allerdings: "Die relativ starke Erblichkeit lässt sich bisher nur zum Teil durch Variationen im Erbgut erklären", sagen Qiumin Le von der Fudan Universität in Schanghai und seine Kollegen. Sie vermuteten daher, dass zu den in der DNA verankerten Risikofaktoren eine weitere erbliche Komponente hinzukommen könnte: epigenetische Veränderungen. Es handelt sich dabei um Anlagerungen am Genom, die das Ablesen von Genen beeinflussen und die ebenso wie die Gene selbst an Nachkommen vererbt werden können.

Süchtige Väter – suchtanfällige Nachkommen

Ob es eine solche epigenetische Weitergabe der Suchtneigung gibt, haben die Forscher in Versuchen mit Ratten näher untersucht. Dafür erhielten männliche Ratten zunächst vier Stunden am Tag die Möglichkeit, sich über einen Hebel selbst Kokain zu verabreichen. Nach einigen Tagen zeigten sich bei den Tieren klare Unterschiede: Einige nutzten die Kokainpumpe nur wenig und auch ihr Kokainkonsum nahm im Laufe der Zeit nicht zu – ein Hinweis darauf, dass diese Ratten keine Sucht entwickelten, wie die Forscher erklären. Andere Ratten dagegen demonstrierten klassisches Suchtverhalten: Sie verabreichten sich die Droge, wann immer sie die Gelegenheit hatten und die von ihnen konsumierte Dosis nahm im Laufe der Zeit zu.

Um herauszufinden, ob dieses Verhalten sich auf die Nachkommen dieser Rattenmännchen übertragen würde, durften sich die Männchen aus beiden Gruppen paaren und zeugten Nachwuchs. Wurde dieser nun ebenfalls dem Test auf Suchtverhalten unterzogen, zeigten sowohl die Kinder als auch die Enkel der "süchtigen" Rattenmännchen ebenfalls ausgeprägte Suchttendenzen. Das allein verriet jedoch noch nicht, auf welche Weise die Ratten ihre Suchtneigung an ihre Nachkommen weitergaben – ob genetisch oder epigenetisch. Um das zu testen, variierten die Forscher ihr Experiment: Alle Rattenmännchen durften sich paaren, bevor sie erstmals in Kontakt mit der Droge kamen. Erst dann wurden sie der Kokainversuchung ausgesetzt und damit auch der Sucht. Wäre die Suchtneigung rein genetisch bedingt, müsste die Suchtneigung bei Vätern und Nachkommen ähnlich hoch sein – egal, ob die Rattenmännchen vor der Zeugung schon in Kontakt mit Kokain gekommen waren oder nicht. Doch der Suchttest bei den Ratten ergab etwas Anderes: Die Kinder der später süchtig gewordenen Rattenväter zeigten genauso viel oder wenig Lust auf Kokain wie die Nachkommen der nichtsüchtigen Väter. Nach Ansicht der Forscher spricht dies dafür, dass die Neigung zur Kokainsucht ein erworbenes Merkmal ist, das aber dennoch an folgende Generationen weitergegeben wird.

Veränderungen am Epigenom

Doch wie erfolgt diese Vererbung? Um das zu klären, analysierten die Wissenschaftler das Erbgut und die epigenetischen Anlagerungen an der DNA der Ratten. Dabei zeigte sich: Sowohl in den Spermien als auch in den Gehirnzellen der Tiere gab es auffallende epigenetische Unterschiede zwischen süchtigen Ratten und ihren Nachkommen gegenüber den nichtsüchtigen Artgenossen. Bei den Rattenvätern waren mehr als 1000 Methylgruppen an der DNA verändert, bei den Nachkommen noch gut 500, wie die Forscher berichten. Diese Anlagerungen am Erbgut konzentrierten sich unter anderem an Genen, die den Hirnstoffwechsel im Belohnungssystem der Tiere regulierten. Zusätzliche Tests belegten, dass dies die Genaktivität in den für das Suchtverhalten wichtigen Schaltkreisen beeinflusste. 

"Auf diese Weise könnten Suchterfahrungen in vorhergehenden Generationen dazu führen, dass bei den Nachkommen ebenfalls suchtfördernde Reaktionen auftreten", sagen Le und seine Kollegen. Noch wurde dies nur bei Ratten nachgewiesen. Allerdings funktionieren Epigenom und Belohnungssystem bei diesen Tieren ähnlich wie beim Menschen. Es ist daher nicht unwahrscheinlich, dass es diese Art von nichtgenetischer Vererbung der Suchtneigung auch beim Menschen gibt.

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