Parkinson: Ist die Immunabwehr schuld?

Eine Autoimmunreaktion könnte zum Tod der Gehirnzellen bei Parkinson beitragen (Grafik: Firstsignal/ iStock)

Welche Ursache hinter der Parkinson-Krankheit steckt, ist noch immer unklar. Jetzt haben Wissenschaftler erstmals Belege dafür entdeckt, dass der rätselhafte Niedergang der Gehirnzellen auf eine Autoimmunreaktion zurückgehen könnte. Die Abwehrzellen der Parkinson-Patienten greifen demnach ein Protein auf den Neuronen an, weil sie dieses irrigerweise für einen Fremdkörper halten. Diese Reaktion könnte nicht nur erklären, warum bestimmte Genvarianten anfälliger für Parkinson machen. Sie könnte auch helfen, bessere Diagnosetests und sogar neue Therapieansätze zu entwickeln.

Parkinson gehört zu den häufigsten neurodegenerativen Erkrankungen bei älteren Menschen. In Deutschland sind Schätzungen nach rund 300.000 bis 400.00 Menschen betroffen, weltweit sind es einige Millionen. Im Verlauf der Erkrankung sterben Zellen in der Substantia nigra ab, einer Region im Mittelhirn, in der der Botenstoff Dopamin produziert wird. Der zunehmende Dopaminmangel führt zu massiven Störungen der Bewegungskontrolle durch das Gehirn. Die Folge sind klassische Parkinsonsymptome wie der schlurfende kleinschrittige Gang, der reglose Gesichtsausdruck oder das Muskelzittern. Warum die Gehirnzellen bei der Parkinson-Krankheit plötzlich abzusterben beginnen, ist bisher nur in Teilen geklärt. So scheinen dabei, ähnlich wie bei der Alzheimer-Demenz, fehlgebildete Proteine, sogenannte Alpha-Synucleine, eine Rolle zu spielen. Aber auch eine genetische Komponente gibt es offenbar: Bei etwa zehn bis 15 Prozent der Betroffenen sind bestimmte Gene durch Mutationen verändert, wie Forscher vor einigen Jahren herausfanden. Unter diesen Genen sind auch einige, die das Immunsystem beeinflussen.

Angriff der T-Zellen

"Die Idee, dass ein falsch funktionierendes Immunsystem zur Parkinson-Krankheit beiträgt, reicht schon fast 100 Jahre zurück", erklärt Erstautor David Sulzer von der Columbia University in New York. "Aber bisher konnte niemand die Punkte verbinden." Bereits 2014 hatten Sulzer und seine Kollegen dann erstmals nachgewiesen, dass die Neuronen der Substantia nigra nicht, wie zuvor angenommen, vor Angriffen des eigenen Immunabwehr geschützt sind. Stattdessen tragen diese Zellen bei Parkinson-Patienten Proteine auf ihrer Oberfläche, die den Antigenen ähneln, an denen der Körper sonst fremde Eindringlinge erkennt. Um herauszufinden, ob die T-Zellen des Immunsystems bei Parkinson tatsächlich die Gehirnzellen angreifen, führten die Forscher nun eine Folgestudie durch. Für diese entnahmen sie 67 Parkinson-Patienten und 36 gesunden Kontrollpersonen im gleichen Alter Blutproben. In dieses Blut mit den darin enthaltenen Abwehrzellen gaben sie Alpha-Synuclein und andere auf den Neuronen der Substantia nigra vorkommende Proteine.

Es zeigte sich: Bei den gesunden Kontrollpersonen trat so gut wie keine Immunreaktion auf. Doch die Abwehrzellen im Blut der Parkinson-Patienten reagierten stark auf die zugefügten Proteine. Vor allem das Alpha-Synuclein wurde von den T-Zellen angegriffen, wie die Forscher berichten. Nähere Untersuchungen ergaben, dass vor allem zwei Untereinheiten des Alpha-Synucleins diese Angriffe zu provozieren scheinen. "Unsere Ergebnisse zeigen, dass zwei Fragmente des Alpha-Synucleins die für Autoimmunreaktionen verantwortlichen T-Zellen aktivieren können", sagt Sulzer. Diese Reaktion ähnele derjenigen, die bei der autoimmunen Enzephalitis zu beobachten sei – dem in Tierversuchen genutzten Analog der Multiplen Sklerose. Die Forscher vermuten, dass die Ansammlung von fehlgefaltetem Synuclein im Gehirn der Patienten das Immunsystem irreleitet und zu einer Autoimmunreaktion führt – dem Angriff der Abwehrzellen auf körpereigene Zellen. Gleichzeitig könnte dies erklären, warum bestimmte Genvarianten Menschen anfälliger für Parkinson macht: Ihre Synuclein-Bauart weckt besonders leicht die Abwehrreaktion.

Hoffnung auf bessere Diagnose und Therapie

"Noch muss sich zeigen, ob diese Immunreaktion auf das Alpha-Synuclein der Auslöser von Parkinson ist oder ob sie nur zum Niedergang der Neuronen und der Verschlechterung der Parkinson-Symptome beiträgt", sagt Koautor Alessandro Sette vom La Jolla Institute for Allergy and Immunology. Aber einiges spreche dafür, dass Parkinson zumindest zum Teil eine Autoimmunerkrankung sein könnte. Sette und seine Kollegen haben bereits begonnen, die Immunreaktion weiterer Parkinson-Patienten zu testen. Zudem arbeiten sie daran, die molekularen Reaktionsschritte zu identifizieren, die zu diesen fehlgeleiteten Angriffen der T-Zellen auf die Neuronen führen.

Dahinter steht auch die Hoffnung, durch die neuen Erkenntnisse eine bessere Parkinson-Diagnose und Therapie zu erzielen. "Unsere Ergebnisse könnten uns einen dringend benötigten Diagnose-Frühtest für Parkinson liefern", sagt Sette. "Gleichzeitig bieten sie die Chance, die Toleranz der Immunabwehr für das Alpha-Synuclein mittels Immuntherapie zu erhöhen – das könnte helfen, die Parkinsonsymptome zu lindern oder ihre Verschlimmerung verhindern."

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